Just a world apart

Experiencing Physics Teacher Training in Kabul

Autor: TKirschbaum (Seite 2 von 3)

Zeitungsschau, subjektiv

Morgens lese ich in diesen Tagen immer in der Afghanistan Times. Über die Tage hinweg entstand die Idee, eine kleine Zeitungsschau zu dokumentieren, Überschriften hauptsächlich. Die Themen wiederholen sich, variieren ein wenig, spiegeln die verschiedenen Facetten dieses Landes im Wechsel zwischen Krieg und Aufbruch, Kampf und Kultur. Alltage.

Die Auswahl ist selbstverständlich subjektiv. Sie kann gar nicht anders sein. Und soll es auch nicht.

 

Respekt.

It’s a nice garden.“ Ich drehe mich um und schaue in das Gesicht eines Wachmanns. Sandfarbene Militäruniform, schusssichere Weste, Maschinenpistole im Griff, drei Magazine als Reserve in den Brusttaschen der Weste. Standardausrüstung der privaten guards, die man in Kabul überall findet. Afghanische Männer unterschiedlichsten Alters. Dutzende auch hier im Hotel, am Eingang, auf den Mauern. Und heute auch im Garten.

It’s a good place to be“, lächelt mein Gegenüber. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht gerade dreißig. „Yes, it’s nice here“, antworte ich.

Respect is important. It is at the heart of our lives.“ Unvermittelt wechselt mein Gesprächspartner die Richtung des Gesprächs. „We need to have respect. Respect for each other. I respect you. And you show respect for me because you talk to me. We need to have respect here in Afghanistan.“

Er erzählt mir von seinen Reisen, auch in Europa war er schon, im Osten, in der Ukraine. Als Sportler für Afghanistan. Da hat er Unterstützung erfahren. Als Sportler, als champion. Jetzt, wo er wieder in Afghanistan ist, ist es anders geworden. „Nobody supports me now. My family has no support. Now I am a guard. It’s a hard job. But I can slowly work my way upwards as a guard.“ Er wirkt nachdenklich, aber entschlossen. Nach vorne blickend.

„I’ve seen you are a good man and I wanted to talk to you. I want to learn. I want to improve my knowledge and I want to improve my English.“

Ich schweige und höre zu. Welche Erfahrungen hat mein Gesprächspartner wohl schon gemacht in seinem Leben, dass ihm Respekt so wichtig geworden ist? Ein nachdenklicher, ernsthafter, lächelnder junger Mann. Wie sind ihm Menschen bisher begegnet? Normalerweise werden hier in Kabul die guards ignoriert, wenn sie einen nicht gerade kontrollieren. Sie sind halt da.

Sein Funkgerät knarzt, er muss los. „I wish you all the very best“, erwidere ich. Und ich meine es. „Thank you for talking to me“, verabschiedet sich mein Gegenüber. – „Thank YOU“, antworte ich. „Taschakor.“

Tobias schreibt man توبياس

Ich bin fasziniert von der Vielfältigkeit von Sprache. Nur vereinzelte Worte kann ich aus dem heraushören, was um mich herum gesprochen wird. So anders ist der Klang, so anders die Art, wie die Wörter in Schrift übertragen werden.

Fasziniert schaue ich meinem Co-Trainer zu, der meinen Namen auf mein Bitten hin in die arabische Schriftsprache „übersetzt“. Das also bin ich. Hier in diesem anderen Kulturkreis, dieser anderen Welt, die mir langsamer vertrauter wird.

Wenn ich zuhöre, wie mein Co-Trainer meine Gedanken im Training übersetzt, staune ich, wie er mitunter englische Begriffe übernimmt, weil es keine Entsprechung auf Dari gibt und doch dieser englische Begriff längst in die Alltagssprache übernommen wurde. Ich staune, wenn ich teilweise einige meiner Gesten, Bewegungen, Gesichtsausdrücke aufgenommen finde – das also ist übergekommen. Mitunter scheint es mir, als bräuchten wir im Kurs überhaupt keine Sprache, da allein meine Art des Erzählens, mein Minenspiel bereits verstanden werden, erkennbar an den Reaktionen und dem Lachen der Kursteilnehmer. Wenn mein Co-Trainer dann übersetzt und an dieselbe Stelle gelangt, lachen sie wieder und nicken mir zustimmend zu: „Ja, das haben wir gerade genau so verstanden!“

Gleichzeitig ist das Übersetzen eine Vertrauenssache, die wir alle behutsam und vorsichtig verfolgen. Die Worte werden sparsamer, präziser, wohlüberlegter gesetzt. Dem Überlegen vor dem Sprechen folgt das Nachhorchen, wenn das Gesagte in der anderen Sprache wiederholt wird. Neu formuliert, anders ausgedrückt und doch – da setzt das Vertrauen ein – so nah dran am ursprünglichen Gedanken wie möglich. Nicht einfach. Aber notwendig. Und möglich.

Die Hand-Outs, die ich im Training einsetze, sind vorab übersetzt worden. Auch das ist spannend: Damit ich erklären kann, was auf den Blättern zu sehen ist, benötige ich mein Original, um mich orientieren zu können.

Die Materialien, die direkt während der Trainings entstehen, erstellen wir gemeinsam, auf Englisch und auf Dari. Häufig ringen wir um mögliche Übersetzungen, nicht jeder Begriff ist automatisch klar, manches muss umschrieben werden. Ich bin froh, dass mein Co-Trainer da ist, aktiv mitdenkt und selber fasziniert von der Sache ist.

Sprache als Möglichkeit, mit ihr unsere Welt zu beschreiben. Spannend.

Colour-coding Kabul cars

Wenn man durch die Straßen von Kabul fährt, fallen sofort die vielen verschiedenfarbigen Nummernschilder der Autos auf, die neben, vor, hinter einem unterwegs sind.

Mit der Zeit ergibt sich ein klares Muster einer Farbcodierung:

Weiße Nummernschilder sind die am häufigsten verbreiteten. Es sind die Schilder der afghanischen Bevölkerung, oft hängen sie an den „Autos mit Geschichte“, die ich gleich am ersten Tag beeindruckt beschrieben habe. Man findet sie aber auch an den großen SUVs der zentralen Hotels, die v.a. durch ihre strahlende Sauberkeit auffallen. Es sind die Standardautos ohne besondere Rechte. Entsprechend oft werden sie herausgewunken und von Polizei und Militär kontrolliert.

Gelbe Nummernschilder weisen auf Taxis hin. Sie passen zu den zumindest teilweise gelben Wagen, die immer wieder auch unvermittelt mitten auf der Straße stehen bleiben, um Menschen ein- und aussteigen zu lassen. Das System erschließt sich mir nach diesen Tagen noch nicht. Aber es funktioniert und ohne die vielen Taxis würden viele Afghanen gar nicht von A nach B kommen. Auch wenn es viele Autos sind in den Straßen von Kabul – lange nicht alle Bewohner von Kabuls können auf ein eigenes Auto zurückgreifen.

Grüne Nummernschilder zeichnen Autos ausgewählter Organisationen aus. Herausgewunken werden sie selten, zeigen die Insassen unaufgefordert Ausweise vor, öffnen sich auch sonst gesperrte Straßenzüge für diese Wagen.

Rote Nummernschilder zeichnen noch wichtigere Transporte aus. Schwarze Schilder sind der Regierung vorbehalten. Deren Wagen sind oft mit flashing lights unterwegs. Immer wieder wird der Verkehr kurz unterbrochen, um ein schnelles Abbiegen zu ermöglichen.

Unterwegs habe ich heute noch zwei neue Varianten entdeckt: Rot-weiß-gestreifte Nummernschilder und einige Autos ohne jede Registrierung, augenscheinlich aber wichtig. Wie ich die zuordnen soll, erschließt sich mir noch nicht ohne weiteres.

Amani High School

Zwei Trainingstage sind vorüber. Zwei Tage an der Amani High School. Eine große Schule, eine Schule auch mit langer Tradition. 3000 Jungen werden hier unterrichtet.

Bis in die achtziger Jahre hinein haben hier auch deutsche Kollegen im Auslandsschuldienst unterrichtet, seit damals gibt es gute Verbindungen nach Deutschland. Sucht man die Schule im Internet, findet man als erstes eine Homepage auf Deutsch. Ehemalige haben sie gestaltet. Jetzt wird sie überarbeitet. Ich bin gespannt, in welcher Sprache dann geschrieben wird.

Amani High School – Eingangstor.

In der Schule wird noch gebaut, der Ganztagsbetrieb wird ausgeweitet. Im Hof stehen noch nicht montierte Wasserspender, die Tischtennisplatten, die neu aufgestellt wurden, werden in den Pausen und auch nach der Schule von den Kindern ausgiebigst bespielt. Das Lachen und Rufen in den Pausen unterscheidet sich in keinster Weise von dem, was ich aus Deutschland kenne.

Die Jungen, die mir begegnen, grüßen freundlich, schauen neugierig, begegnen mir wie allen Lehrerinnen und Lehrern hier mit Respekt und großer Hilfsbereitschaft. Zwischen „Asalam alaykum“ mischt sich ab und an ein verschmitztes „Hello„. Einmal höre ich sogar ein herüber gerufenes „Wie geht es Ihnen?“ Den Rufer kann ich nicht ausmachen – mein Projektmitarbeiter ist schneller und antwortet lachend auf Deutsch Richtung Tischtennisplatte. Deutsch wird immer noch, allerdings sehr sporadisch, als Fremdsprache gelehrt.

Einen Deutschlehrer gibt es heute noch, meine ich zu erfahren. Bis in die Achtziger hinein gab es sogar Fachunterricht auf Deutsch, vor allem in den höheren Klassen. Dann kam der Krieg.

In 2002 begann der Wiederaufbau, der bis heute andauert.

Auf dem Schulhof.

Ich kenne bislang nur den Biologieflügel, wo unser Training stattfindet, und in der Etage darüber die Physiksammlung, die noch aus den Achtzigern stammt, aber verblüffend gut erhalten ist. Als ich durch die Schränke schaue, entdecke ich Experimentiermaterialien von deutschen Herstellern. 30, vielleicht 40 Jahre alt die meisten Sets, aber gut erhalten – vermutlich auch, weil niemand der aktuellen Lehrer mehr weiß, wie damit unterrichtet werden kann. Nach dem Durchschauen sind meine Finger grau vom Staub.

In einem Regal stehen Dorn-Bader-Bände, mit denen ich früher als Schüler gelernt habe. Natürlich auch auf Deutsch. Bücher auf Englisch oder Dari suche ich vergeblich. Dafür entdecke ich die Beschriftungen auf den Schranktüren. Mechanik steht da. Optik. Elektrizitätslehre. Magnetismus. Auf Deutsch. Keiner der Physiklehrer spricht noch Deutsch. Aber sie wissen, wo was steht.

Es ist im Prinzip ein Schatz, denke ich. Ein Schatz, der gehoben werden kann, der nutzbar gemacht werden kann. Wieviel Wissen, wieviel Können ist in diesen dreißig Jahren verloren gegangen und kommt nun langsam wieder an die Oberfläche.

I want to learn how to do experiments“, erklärt mir eine junge afghanische Kollegin. „I know about the physics. I know about psychology. But I don’t know how to do experiments. I don’t know how to do experiments with my students.“ Eine ältere Kollegin hört ihr zu und nickt. „I remember“, ergänzt sie, „as a young girl in year 7 – my teacher has done two experiments and I still remember them. They started my interest in science.“ Sie strahlt und erzählt von den Experimenten. Ein alter Kollege mit weißem  Bart und unendlich vielen Falten im Gesicht hört zu und nickt leise lächelnd. Seit 32 Jahren unterrichtet er hier Physik, hat er mir am ersten Tag gesagt.

Gemeinsam gehen wir zurück in den Biologiesaal. Die nächste Runde des Trainings fängt an.

Frühstück

Beim Frühstück komme ich nicht umhin, in das Gespräch am Nachbartisch hinein zu hören. Ein Inder, ein Belgier sitzen gemeinsam am Tisch, ein englisches, internationales Gespräch. Immer wieder schauen beide wie selbstverständlich auf ihre Smartphones, lesen Nachrichten, antworten, nehmen ihr Unterhaltung wieder auf. Wie Wellen scheint das Gespräch zu laufen – eine Weile redet der eine, der andere schweigt, nickt, äußert Verständnis. Dann wechselt die Seite, der andere übernimmt. Nun hört der erste geduldig zu. Etwas später wird die Welle wieder zurückschwappen.

Es geht – natürlich – um berufliche Erfahrungen. Alle Gespräche der Internationalen hier in Kabul drehen sich um diese Erfahrungen. Auch gestern, als ich mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GIZ abends im Compound der Europäischen Union war, stand Beruf so gut wie ohne Einschränkungen im Vordergrund. Die schon schmunzelnd vorgebrachte Vorgabe „Ab jetzt nur noch Privates!“ hielt sechs, sieben Minuten. Dann tauchten die beruflichen Aspekte wieder an die Oberfläche und blieben zumindest indirekt den Abend über präsent. Freizeit in Kabul – ein anderes Kapitel.

Mein belgischer Tischnachbar arbeitet anscheinend als Consultant für eine Baufirma und hat Probleme mit seinem Projekt in Kandahar. Am Flughafen wurden seinen Mitarbeitern die Pässe abgenommen, ohne die sie nicht arbeiten dürfen. Es ist schon die zweite, dritte Generation von Mitarbeitern – die vorherigen wurden von den lokalen Gouverneuren abgelehnt, zurückgeschickt. „He didn’t like them. Now he brought his own people forward and tried to get them the jobs.“ Sein indisches Gegenüber nickt verständnisvoll. Ja, das kennt er auch.

Am Flughafen in Kandahar scheinen wie so oft verschiedene Positionen in einer Person vereinigt zu sein. Für uns gewohnte, vermutlich sinnvolle Ämtertrennung findet nicht statt, stattdessen liegt das Hauptinteresse – nachvollziehbar – darauf, den eigenen Leuten, Freunden, der Familie Möglichkeiten zu geben, ihr Leben zu finanzieren. „In Pakistan they started to privatise the airports. And now it seems to work alright“, berichtet der Inder. „Ah. They should try to do this in Kandahar, too“, nickt der Belgier. Dann schaut er wieder auf sein Smartphone.

Hätte ich hinüber geschaut, hätte ich vermutlich gesehen, dass sich sein Gesicht aufgehellt hat beim Lesen. Das Schauen wäre für mich unhöflich gewesen, so höre ich es nur aus der jetzt veränderten Stimmlage heraus. „That was my family. They are back in Belgium. I definitely have to go back and see them soon.“ Er hält inne. „I have so little holidays. I can see my boy only four times a year.“

Der Inder ist mitfühlend, für ihn sind es nur zwei Stunden Flug. Das lohnt sich schon für ein Wochenende.

Ich bin froh, dass ich nur eine begrenzte Zeit hier bin – klar überschaubar, mit eindeutiger Perspektive, meine Lieben bald wiederzusehen. So kann ich mich auf das konzentrieren, was meine Aufgabe hier ist und gleichzeitig die vielen Eindrücke aufnehmen, mich langsam dieser anderen Welt annähern, ohne meine eigene je komplett zu verlassen. Ist das ein erstes Fazit, zwei Welten getrennt zu halten, um unbeschadet von der einen in die andere zu wechseln und nur – nur! – die neuen Perspektiven nachzuempfinden? Dafür ist es wohl noch zu früh. Es sind ja erst zwei Wochen.

An meinem Nachbartisch hat sich der Belgier wieder dem Beruflichen zugewandt. „It’s hard to find people for Kandahar. Noboday wants to go there. No manager wants to go there.“ Der Inder nickt. Auch das scheint er zu kennen. Vielleicht spürt er aber auch nur, dass hier einfaches Zuhören gut tut.

Afghanistan

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/87/Afghanistan_physical_en.png/983px-Afghanistan_physical_en.png. User:Sommerkom

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Do you like it here in Kabul?

Auf der dritten Autofahrt bislang justiert mein Fahrer den Rückspiegel, schaut nach hinten und fragt: „Do you like Kabul? What do you think?“ Aus seinen Augen lese ich echtes Interesse, nicht nur Höflichkeit. Ich suche nach richtigen, passenden Worten, während draußen das Straßenleben vorbeizieht. „It’s … thriving … interesting … impressive …“, taste ich mich an mein Empfinden heran.

Ich blicke auf die Häuser, die Autos, die Menschen. Neben mir schiebt ein junger Mann einen Handkarren mit Bananen durch den Verkehr, am Straßenrand werden Früchte verkauft, daneben Gewürze, ein kleiner mobiler Laden mit Getränkedosen, Zigaretten. Wieder weiter bunte Plastikeimer, dann ein Kebabladen. Auf der anderen Straßenseite hängt große Werbung: Afghanistan wird fit gemacht für das Internet, das weltweite Netz mit allen Möglichkeiten der Digitalisierung. Ein paar Plakate mit Politikern, Leuchtreklame von Banken, ein kleiner Basar und immer wieder Betonwände und Security Checkpoints.

Ich sehe junge Männer, westlich gekleidet, deutlich aber afghanischer Herkunft. Daneben Männer im selben Alter in traditioneller Kleidung. Einer hat den Arm um die Schulter des anderen gelegt, wieder andere gehen Hand in Hand.

Frauen tragen Schleier – gebunden in der unterschiedlichsten Art. Auch High Heels passen zu langen schwarzen Gewändern und das leuchtende Blau der Burkas strahlt durch den Straßenstaub. Leuchtend, denke ich. Und lebendig. An einer Ecke steht eine Gruppe zusammen, an eine der Betonmauern gelehnt und unterhält sich angeregt: Männer und Frauen gemischt, alle eher jünger, traditionell und westlich gekleidet, eine Burkaträgerin steht ebenso dabei wie eine Frau, die – mein Eindruck – legerer gekleidet ist.

Vor uns auf einem Motorrad fahren ein Mann und eine Frau. Die Frau kauert sich im Damensitz in den Windschatten des Mannes, korrigiert ihren Schleier, schaut zu uns ins Auto. Sie schaut mich kurz interessiert an, bevor das Motorrad in eine Seitenstraße abbiegt. Ich werde viel angeschaut, wenn mich jemand durch das Autofenster sieht – ich bin halt erkennbar ein Fremder, ein Europäer, ein Zivilist. Das allein macht mich interessant, fällt auf, weckt Wohlwollen. Nicht viele ausländische Zivilisten sind hier unterwegs.

Neben mir fährt jetzt ein Auto mit geöffneter Heckklappe: drei Kinder sitzen darin, eins hält die Klappe fest, damit sie nicht zuschlägt beim nächsten Huckel in der Straßendecke, alle lachen glückliches Kinderlachen. Vorne im Auto sitzen ihre Eltern, als wir vorbeifahren.

Überhaupt, die Kinder von Kabul: Kinder laufen zwischen den Autos entlang, verkaufen Wasser, Tücher, fächeln Rauch durch die geöffneten Fenster gegen die Insekten oder für den Geruch.

Jüngere Männer verkaufen eher Tücher, ältere betteln direkt. Ein Mann im Rollstuhl wird von der Polizei durch die Autoschlangen gelotst, immer wieder sehe ich Versehrte mit Krücken, auf einem Bett liegend. Die Kriegsgeschichte und Gewalt in diesem Land ist allgegenwärtig – und doch hat sich sowas wie Normalität hier breitgemacht: Man hat sich arrangiert. Einfach ist hier wenig, aber viele scheinen ihren Weg gefunden zu haben, damit umzugehen.

In einem anderen Stadtteil kommen Kinder in Schuluniformen aus den Schulgebäuden. Ein Junge sitzt im Schulbus, schaut heraus, schleckt ein Eis, grüßt einen Freund auf dem Gehweg. Der winkt zurück und nimmt dann seine Schwester in Empfang, sie machen sich auf  den Heimweg. Der Schulrucksack wippt auf dem Rücken der Schwester auf und ab, während sie die Straße entlang im Getümmel verschwinden. Wie bei uns, geht mir durch den Kopf. Was hab ich denn anderes erwartet? Und dann denke ich an die Kinder, die gerade zwischen den Autos herumgegangen sind, zur selben Zeit.

Ah, you like it then“, antwortet mein Fahrer. „So let me tell you some more…“

Mein Blick bleibt an den Kindern hängen, die vor einer der militärischen Betonmauern hocken: Mit Kreide haben sie vier Linien darauf gemalt. Kreuze und Kreise. Sie spielen Tic Tac Toe. Über ihnen  steht in blau gesprüht: Kabul, the city of peace. In Englisch und in Dari. Wer das geschrieben hat, weiß ich nicht.

Ich hätte gerne ein Foto davon gemacht. Von den Kindern. Und von der Aufschrift. Im Vorbeifahren wird es ein flüchtiges Bild. Der Eindruck aber bleibt hängen und hallt nach.

Afghanistan Times. Titelseite. Heute.

Heute morgen lese ich in der Afghanistan Times diese Headline auf Seite 1. Als ob ich eine Erinnerung bräuchte – letztlich bin ich genau deshalb hier.

Afghanistan Times, 11 May 2017, page 1

Afghanistan Times, 11 May 2017, page 1

Und dann – Kabul.

 

Am Horizont in der Ebene liegt Kabul.

Am Horizont in der Ebene liegt Kabul.

Anflug Kabul, zwischen den Bergen hindurch.

Anflug Kabul, zwischen den Bergen hindurch.

Nach dem Anflug aus der Wüste heraus erwartet mich Staub. Viel Staub. Und Autos. Viele Autos.

Häuser in allen Zuständen – Ruinen, kleine Hütten, gesichtslose Hochhäuser am Straßenrand, riesige Hochzeitshallen mit Leuchtreklamen, immer wieder auch orientalische Verzierungen an alten Gebäuden. Und Verkäufer am Straßenrand – Getränke und Zigaretten, etwas außerhalb werden auch Benzin und Wasser aus Kanistern verkauft. Im Zentrum finden sich mehr Schuhputzer und T-Shirt-Verkäufer.

Kabul - ein erster Blick

Kabul – ein erster Blick

600 000 Fahrzeuge seien in dieser viel zu kleinen Stadt unterwegs, erzählt mir der Fahrer, der mich vom Flughafen abgeholt hat. Ich habe gelesen, Kabul sei für 1 000 000 Menschen ausgelegt – mittlerweile wohnen viermal so viele hier, sind aus dem Umland hierher gezogen.

Und viele, viele scheinen mit den Autos unterwegs zu sein. Autos, die erkennbar Geschichte erzählen. Viele haben das afghanische Nummernschild einfach über das alte, europäische geklebt: Immer wieder blitzt das vertraute europäische Blau hervor, das D, das NL, das GB. Hier also gehen die gebrauchten Autos hin, die in Europa niemand mehr haben will. Hier werden sie gefahren, bis sie vermutlich auseinander fallen.

Überhaupt: Vieles wird gebraucht weiterverkauft hier in Kabul. Irgendwie sind sie hierher gekommen, die alten Waschmaschinen, Heizungen die vor den Geschäften auf Käufer warten, aber auch das Brennholz, das sich an einer Stelle stapelt. Auf dem Weg hierher habe ich keine Bäume gesehen. Später lese ich in einem Interview mit einem Straßenhändler aus Kabul, dass ein gutes Wiederaufbauprojekt auch die Wiederaufforstung der afghanischen Wälder sein könne, nicht nur Straßen und Wasser und Elektrizität.

In den Straßen drängen sich die Autos. Vier, fünf, sechs, zum Teil sieben Spuren nebeneinander, kaum 10 cm zwischen den Reihen. Es wird gehupt, gestikuliert. Dazwischen laufen Menschen über die Straße, schlängeln sich zwischen den Autos, den Bussen, Pferdekarren und hochbeladenen Fahrrädern hindurch. Einmal sehe ich eine Frau mit ihrem kleinen Kind mitten auf der Straße, umschlossen von den Fahrzeugschlangen. Irgendwann wird sie weiterkommen, jetzt wartet sie.

„Wir haben hier wenig Straßenregeln“, lächelt mein Fahrer. „Stören Sie sich nicht an dem Hupen – das ist nicht böse und drängelnd. Es ist ein Spiel. Wir schauen nach vorne wo wir hinwollen und fahren. Dann passt das schon.“

Und dann zeigt er mir links und rechts die Ministerien und Botschaften hinter Betonwällen verschanzt und stark bewacht. So wie mein Hotel.

Wenn ich hier aus dem Fenster schaue, blicke ich in Grün. Sattes Grün. Eine Oase hinter Beton. Eine eigene Welt. „Schon wieder“, denke ich.

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