Just a world apart

Experiencing Physics Teacher Training in Kabul

Monat: Mai 2017 (Seite 1 von 3)

Nachlese 3

„Gott sei Dank, dass du heil wieder hier bist. Ich war so froh zu lesen, dass du am Freitag schon wieder in Dubai warst.“ Mit diesen Worten empfängt mich ein Bekannter, der eher nicht für überschwängliche Emotionen bekannt ist.

Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass in Kabul bei einem Überfall ein afghanischer Wachmann und eine Deutsche erschossen, eine Finnin entführt worden sind. Sofort bin ich gefühlt wieder mitten in Kabul. Die Fotos, die ich bei den Nachrichten sehe, sind mir vertraut. Und über genau diese Situation hatte ich in der vergangenen Woche noch mit meinem Projektmitarbeiter diskutiert. Da. Vor Ort.

Der Überfall erfolgte mitten in der Nacht auf das guesthouse, in dem die beiden Mitarbeiterinnen einer NGO (non government organisation) wohnten. Ihre Organisation hatte militärische Bewachung abgelehnt – wie viele andere NGOs auch, denen der unverstellte, direkte Kontakt zu ihren afghanischen Projektpartnern und den Menschen, die hier leben, wichtiger ist, als der Schutz mit Waffengewalt. In unserem Projekt sind die Prioritäten anders gesetzt worden, für mich gelten wie für die anderen ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter strengste Sicherheitsvorkehrungen.

In unserer Diskussion war es auch darum gegangen, ob diese Vorkehrungen wirklich in dieser Schärfe notwendig sind.

Jetzt, wo ich die Nachrichten lese, spult vor meinem Inneren Auge sofort die gesamte Liste der Sicherheitsdetails ab. Das Briefing war unmissverständlich, klar und eindeutig. Ich bin froh um diese Eindeutigkeit und weiß, dass ich mich auf „meine“ security verlassen kann. Verlassen muss.

Vertraute Situation. Sinnvolles Procedere. Alltag in Kabul. Und kaum eine andere Möglichkeit für uns, am Wiederaufbau Afghanistans mit zu bauen und ein wenig beizusteuern.

Ich stutze – wie so oft in diesen Tagen: Vertraute Situation, habe ich gerade geschrieben. Was, um alles in der Welt, fährt es mir durch den Kopf, ist an dieser Situation vertraut und Alltag?

Und doch ist es genau das. Diese Verstörung wird noch lange anhalten, ahne ich.

Nachlese 2

Weil wir die Karten schon lange gekauft hatten, war ich tags nach meiner Rückkehr aus Afghanistan in Faust II. Vor zwei Jahren wurde am Dortmunder Schauspielhaus Faust I als Ballett adaptiert, nun folgte eine ebenso spannende wie herausfordernde Adaption des zweiten Teils.

Was für ein Kulturschock: Hier inmitten der Bildungsbürgerinnen und Theaterliebhaber zu sitzen, in einem perfekt ausgestatteten Theater, einer hervorragenden Inszenierung zu folgen, sich herausfordern lassen zu können von den Bildern, die der Dramaturg und Regisseur geschaffen haben.

In Afghanistan hatte ich nur ein einziges Mal von einem Theaterprojekt gelesen: Ein junger Mann, der unter Lebensgefahr durch die ländlichen Gegenden zog, um mit seinem Ein-Mann-Theater politische Aufklärungsarbeit zu leisten. Um den Menschen, die dort abgeschieden leben, häufig ohne jede Schulbildung, ein wenig von dem zu erzählen, was politisch in ihrem Land geschieht.

Was für ein Weltensprung.

Die Faust II-Adaptierung war geprägt von den Erfahrungen der Flüchtlingsströme, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen. Die Tausende von Menschen, die im übertragenen Sinn nach Deutschland, im Wortsinn an die Strände Italiens und Griechenlands gespült worden waren, haben Einzug in die Bildsprache dieses Faust II gefunden.

„Wir dürfen nicht für selbstverständlich nehmen, dass wir im Frieden leben dürfen“, sagte der Dramaturg vor der Aufführung dem Publikum. Wie wahr. Und wie theoretisch war für mich noch vor wenigen Wochen diese Aussage. Jetzt saß ich dort, kaum 20 Stunden nach meiner Rückkehr aus einem Land mit 35 Jahren Kriegsgeschichte. Mit drastisch verändertem Blick.

Frieden ist für wahr alles andere als selbstverständlich.

Nachlese 1

Was nachwirkt, sind Kleinigkeiten. In den Begegnungen mit Menschen hier in Deutschland, im Begrüßen und Verabschieden, merke ich, was mir fehlt – weil es mir liebgeworden ist und ich doch keine direkte Übertragung ins Deutsche finde.

As-salāmu ʿalaikum beginnt in Afghanistan wie in vielen arabischen Ländern jede Begegnung: السلام عليكم, Friede (ruhe) auf dir, auf euch. Afghanische Männer ergreifen die Hand ihres Gegenübers mit zwei Händen, bergen sie in ihren, halten sie, deutlich länger als bei uns üblich. Frauen gegenüber neigt man als Mann nur höflich den Kopf. So oder so legt man seine rechte Hand auf sein Herz: Von dort her kommt der Gruß, der Wunsch.

Am Ende des Gespräches schließt sich wieder ein Wunsch an:  خُدا حافِظ, Chodâ Hafez. Möge Gott dein Beschützer sein. Häufig wird in Afghanistan dieser Wunsch zusammengezogen, Chodâfez. Schneller gesprochen, umgangssprachlich. „It’s like bye, you know – instead of good bye„, erklärt mir mein Co-Trainer.

Tschüss, denke ich, statt Auf Wiedersehen. Genauso gemeint, alltäglich, selbstverständlich. Und doch ist es so anders als bei uns – Gott prägt in Afghanistan das Leben ganz anders, viel durchdringender, viel tragender als bei uns.

Sich den Frieden wünschen und den schützenden Segen Gottes, wann immer wir einander begegnen. Was für eine Dimensionserweiterung.

[NB Die persischen und arabischen Schriftzeichen stammen von Wikipedia.org. Ich hoffe, dass die Schreibweisen stimmen.]

Wie schnell ich mich gewöhne…

Im Anflug auf Dubai sehe ich unter mir die vertrauten Farben arabischer Städte – viel Beige, viel Braun. Sand und Stein. Helle Häuser, ein Gewirr an Straßen. Aus der Höhe erschließen sich Muster, Stadtteile rücken zusammen.

Was die Farben angeht, unterscheiden sich Dubai und Kabul kaum. Auch die Umgebung mit den Bergen, deren Abhänge gleich hinter der Stadt emporsteigen, ähnelt sich. Nur das nahe Wasser fehlt in Kabul, dort gibt es nur den mageren Strom des Kabul River, der – aus Osten kommend – sich durch die Stadt schlängelt, einem tiefen Graben gleich.

Was aber auffällt, ist der Staub, der fehlt. Heute morgen hing wieder die tägliche grau-braune Dunstglocke über Kabul. Erst in größerer Höhe machte sie dem Blau des Himmels Platz. Stattdessen ist Dubai schon aus der Luft heraus – sauber. Die Straßen ziehen sich gerade und klar strukturiert, v.a. aber eindeutig asphalt-grau durch die Landschaft. Die Häuser sind weiß, mit roten, blauen, orangenen Verzierungen. Als wir tiefer kommen, erkenne ich die Swimming Pools. Und blicke erstaunt auf das viele Grün, das die Straßen säumt. Trotz Wüste werden hier anscheinend Unmengen an Wasser in die Bewässerung und damit Begrünung der gesamten Stadt gepumpt. Auf alten Fotos aus den 60er und 70er Jahren tauchen auch in Kabul wie selbstverständlich grüne Parks und Straßenbäume auf. Die Rosen von Kabul sind seit damals fast legendär. Heute werden sie aus Pakistan importiert und blühen nur noch in den Innenhöfen der großen Hotels.

Das nächste, was mir auffällt, als wir gelandet sind: Security ist hier nicht allgegenwärtig. Militär sehe ich auch in Flughafennähe nicht.

Was mich noch mehr wundert, ist, dass mir dieses Fehlen auffällt. In den Tagen in Kabul hatte ich mich an die Dauerpräsenz von Soldaten, guards, Maschinenpistolen gewöhnt und zückte schon immer automatisch meine ID card, wenn wir uns einer Straßensperre näherten. Abtasten und Röntgen der Taschen war selbstverständlich – nicht nur am Flughafen, sondern bei jeder Rückkehr in das Hotel.

Nach diesen paar Tagen bereits war meine anfängliche Irritation einer seltsamen Routine gewichen. Ich wusste die kleinen Handzeichen zu deuten, wenn die Karte gezeigt werden musste, wusste, dass der Motor ausgestellt wurde, wenn der Unterboden des Fahrzeugs mit Spiegeln auf MIEDs abgesucht wurde. (Allein das: Noch vor 9 Tagen hatte ich keine Ahnung, was MIEDs sind – magnetic improvised explosive devices. Fachjargon afghanischen Alltags.)

Ich wusste, wo etwas versteckt hinter Sandsäcken oder Betonwänden die Panzer standen. Einen hatte ich fast ins Herz geschlossen – es war einer der kleinen Panzer, deren offener Schießstand ständig besetzt war. Die Wache auf diesem Fahrzeug hatte sich gegen die Sonne einen Sonnenschirm aufgespannt, der bekannte afghanische Softdrink sorgte für etwas Kühlung. In dieser Absurdität ist es fast mein favourite geworden, wenn ich das überhaupt so sagen darf. Vielleicht ist sogar dieser Begriff bereits ein Hinweis darauf, wie irritierend schnell das Pervers-Brutale und eigentlich Unmenschlich-Verstörende der Nachkriegszeit zur Normalität im Alltag werden kann.

Hier in Dubai ist schon alles sehr westlich geworden, auch wenn der Flughafen hier ein Umschlagplatz von Menschen aus Asien, Afrika, Europa, Amerika… ist und sich die unterschiedlichsten Wege und Kulturen begegnen. Es hat was von einem langsamen Ankommen, einer schrittweisen Rückkehr in meine Welt. Auch wenn es bis hierhin nur gut zwei Stunden Flug sind von Kabul, liegt aber eigentlich schon ein riesiger Sprung hinter mir.

Der nächste Weltensprung startet gleich. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis mir mein normaler Alltag wieder ganz normal vertraut ist. Und das Irritierende wieder irritierend geworden ist.

Männer in Hosen, Frauen in Kleidern

Clothing is an issue here in Afghanistan.“ Diesen Ausspruch einer der Personen, mit denen ich hier in Kabul zusammenarbeite, habe ich mehrfach in diesen Tagen neu durchdacht.

Ich habe gelernt, dass traditionelle Kleidung noch lange nicht heißt, dass jemand konservativ  im negativen Sinn ist. Ein Kopftuch bei Frauen heißt mitnichten, dass die Trägerin nicht aufgeschlossen, selbstbewusst und engagiert ist. Wenn ich an die Lehrerinnen in meinem Training denke, habe ich ganz andere Eindrücke gewonnen. Und auch über Vollverschleierung und Burka maße ich mir kein Urteil an. Sie sind mir fremd, aber wie wenig weiß ich über die Hintergründe.

Eine respektvolle Frau trägt in Afghanistan ein Kopftuch in der Öffentlichkeit. Sie sitzt auch nicht mit einem Mann gemeinsam auf der Rückbank eines Autos, wenn es nicht ihr Ehemann ist. Niemals würde sie auf ein Zimmer eines Mannes gehen. Aber ein anständiger Mann würde sie auch nie auf sein Zimmer einladen – vielmehr wird er das Gespräch mit ihr in der Öffentlichkeit suchen. Dann aber erfolgt ein solches Gespräch auf Augenhöhe und unter Gleichen. Es ist gegenseitige Verantwortung von Männern und Frauen in dieser Gesellschaft, auf Würde, Respekt und Ehre zu achten.

Anzügliche Bemerkungen sind ebenso verpönt wie freizügiges Auftreten und die Missachtung des Alters. Die Menschen, denen ich hier in Afghanistan begegnet bin, begegnen einander in Achtung und herzlichem Miteinander.

Fundamentalistische Einstellungen finden sie verabscheuenswürdig und lehnen sie ab. Sogar in religiösen Fragen fordern die Menschen, mit denen ich sprechen konnte – und wo das Thema „aufkam“ -, einen Islam, der nach vorne schaut, der die Anforderungen einer globalisierten Welt ernstnimmt und dessen Gelehrte den Gläubigen sinnvolle, ernsthafte und heutige, nicht gestrige Antworten auf die Sorgen dieser Zeit geben.

Eben diese Menschen fühlen sich aber auch vor den Kopf gestoßen von Westlern, die als Besserwisser und Heilsbringer nach Afghanistan kommen. Sie fühlen sich verletzt durch bolleriges, herrisches Auftreten, durch häufig unreflektiert preisgegebenes Desinteresse an den Gefühlen, Ansichten und Wertvorstellungen ihrer Gegenüber.

Sie möchten ernstgenommen werden in ihrer Kultur, ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen.

„Clothing is an issue here in Afghanistan.“ Für mich ist diese Kleidungsfrage in diesen Tagen zu einer Art Brennglas geworden. Nicht im Blick auf die Kleidung, die afghanische Frauen, Männer und Kinder tragen, sondern vielmehr im Blick auf die Kleidung, die die Westler hier tragen.

Wir Westler hier sind sichtbar, egal mit welcher Kleidung. Gesichtszüge, Hautfarbe, Haare, Augenfarbe, selbst die Brillen, die wir tragen, unterscheiden sich von denen der afghanischen Männer und Frauen. Wir fallen auf, werden mehr oder weniger versteckt beäugt. Vor allem dann, wenn wir Zivilisten sind.

Ich meine, bei den Westlern drei Arten von Menschen ausgemacht zu haben.

Da gibt es die Business-Menschen, die im westlichen Einheitsanzug der Geschäftswelt auftreten. Dieser Anzug wird mittlerweile anscheinend überall getragen. Auch Inder und Japaner habe ich hier getroffen, die mit eben diesen Anzügen auftraten – ebenso wie einige ihrer afghanischen Geschäftspartner. Auch viele afghanische Politiker tragen diese Anzüge. Alternativen werden anscheinend nicht überall akzeptiert.

Dann gibt es diejenigen, denen ich für mich den Begriff Outdoor-Menschen gegeben habe. Sie tragen beige oder dunkelgrüne Cargo-Pants, ein beiges Hemd mit vielen Taschen, natürlich nicht in der Hose, sondern darüber getragen. Ihre Schuhe sind robust und hoch geschnürt. Sie signalisieren „Wir können überall hin und kommen klar.“ Häufig sprechen diese Menschen einiges an Dari oder Paschtu. Sie sind erkennbar nicht einheimisch. Mitunter aber empfinde ich dieses Outfit fast schon brutal „offen“ und abgrenzend zur Business-Fraktion, v.a. hier in Kabul, in der Stadt.

Natürlich gibt es auch die Short-Träger, die mit Flip-Flops und knappem T-Shirt unterwegs sind. Nicht nur im Hotel, ich begegne ihnen auch auf dem Weg nach draußen. Sie sind aber – mittlerweile? zum Glück? – nur vereinzelte Exemplare.

Ein vereinzeltes Exemplar war aber auch mein Nachbar auf dem Flur: Gebürtiger Pole, lebt er seit Jahren in New York. Beruflich ist er häufiger in Kabul. Er trägt traditionelle afghanische Kleidung, sein Auftreten ist erkennbar islamisch geprägt. Erst dachte ich, er wäre ein Konvertit, vielleicht auch ein in Europa aufgewachsener Afghane. Bis er mir seine Geschichte erzählte: Er möchte nicht auffallen und ist davon überzeugt, dass er so weniger auffällt und damit sicher ist vor Anschlägen.

Die meisten Männer tragen normale Hosen und langärmelige Hemden. Sie sind erkennbar westlich und doch respektieren sie die Regeln, die hier gelten. Sie verkleiden sich nicht, grenzen sich aber auch nicht übertrieben ab. Dasselbe gilt für die Frauen, denen ich bei meiner Arbeit begegne: Die meisten tragen in der Öffentlichkeit einen Schal, legen ihn aber im beruflichen Kontext ab, wenn man sich kennt und sie das Gefühl haben, niemandem damit zu nahe zu treten oder zu befremden.

Natürlich gibt es auch die Frauen, die bewusst ohne Kopftuch auftreten und massiv einfordern, dass sie so akzeptiert werden sollen, wie sie sind. Ich finde diese Einstellung zumindest schwierig. Ich kann nachvollziehen, was der Beweggrund ist. Aber ich habe auch die Eindrücke im Ohr von den Gesprächen mit den afghanischen Männern und Frauen, denen ich hier begegnet bin.

Clothing is an issue here in Afghanistan.“ Es geht um Respekt, um Würde, um gegenseitige Akzeptanz. Es geht um Authentizität und Wertschätzung. Und sicherlich auch um einen Perspektivwechsel und den Versuch, die Welt mit den Augen eines anderen Menschen zu sehen, meines Gegenübers. Vielleicht ist das ein Ansatzpunkt für interkulturelles Miteinander.

Kabul scenes

Auf dem Weg von der Schule zum Hotel fahren wir an einer lärmenden Gruppe von Jungen in ihren Schuluniformen vorbei. Blaue Hemden, schwarze Hosen, Rucksäcke auf den Schultern. Sie lachen, schubsen, rufen. Einige sind auf dem Rad unterwegs, zu zweit zumeist, einer sitzt auf dem Gepäckträger. Wären da nicht die hohen Betonmauern und die Soldaten auf ihren Wagen direkt daneben, könnte dies eine Szene aus Deutschland sein. Was für uns fremd ist, kennen sie nicht anders. Sie sind in dieser Stadt aufgewachsen, für sie ist das Leben hier normaler Alltag. Worüber sollten sie sich wundern? Und wenn sie lachend unter den heruntergelassenen Schranken am nächsten Kontrollpunkt hindurchtauchen, ist es nur ein ganz normaler Heimweg am Ende eines ganz normalen Schultages.

Sobald man von einer der asphaltierten Hauptstraßen in eine Seitenstraße schaut, gibt es keinen Asphalt mehr, nur noch Schotter, dazu viele Schlaglöcher. Nicht dass in den Hauptstraßen keine Schlaglöcher sind. Es sind nur weniger. Und auch in den Nebenstraßen sausen die Rad- und Motorradfahrer in einem Affentempo zwischen den Autos hindurch, um sich einen Weg zu bahnen. Einbahnstraßen zählen für sie nicht. Es geht darum schneller von A nach B zu kommen.

Die farbigen Auslagen der Straßenhändler heben sich heftig vom Grau-Braun der Gebäude dahinter ab: Das Obst leuchtet mir ebenso entgegen, wie die kleinen bunten Kinderwesten, die Getränkedosen und der bunte Sonnenschirm über dem Tisch des Schreibers, der auf Kundschaft wartet. Die Farben übertünchen sogar den Stacheldraht auf den Mauern hinter den Ständen und drängen ihn in den Hintergrund.

Am Straßenrand sitzen alte Männer in Schubkarren. Dutzende warten darauf, dass jemand ihre Dienste in Anspruch nimmt und seine Waren transportieren lässt. Erst einmal habe ich einen der Alten gesehen, wie er seine Karre geschoben hat. Sie war bis vielleicht zweieinhalb Meter hoch mit grünen Ballen unindentifizierbaren Inhalts aufgestapelt und deutlich breiter als normal. Wie er sehen konnte, wo er hinschiebt, blieb mir unklar. Aber gestockt hat zu keinem Moment.

Der Park in der Nähe meines Hotels, den ich jeden Tag mehrfach umfahre, weil er von einem Einbahnstraßensystem umgeben ist, wirkt in seinem unvermittelten Grün fast deplaziert im Staub dieser Stadt. Durch die Eisenzäune und die daran aufgehängten Waren der Straßenhändler erkennt ich Wiesen und Bäume, Pavillons, kleine Snackstände. Wieviele von denen geöffnet haben, kann ich nicht erkennen. Sie sind aber zu neu, um bloße Überbleibsel einer anderen Zeit zu sein.

An einer Straßenecke fahren wir immer an einem Metzger vorbei. Auf der Straße vor seinem Geschäft stehen Körbe mit Hühnern. Innen hängen große Fleischstücke im Fenster. Heute wird gerade auf dem Boden des Geschäfts ein Schaf auseinander genommen.

Zwei Geschäfte weiter werden Ledertaschen angeboten, eindeutig hier vom Händler selbst hergestellt. Schönes, professionelles Handwerk. Genauso wie beim Schneider nebenan. Die traditionelle afghanische Kleidung kauft man nicht von der Stange. Hose, Hemd und Weste werden individuell handgefertigt. Manchmal bringt man den Stoff mit in den Laden des Schneiders, manchmal wählt man aus den Ballen aus, die die Wände säumen. Immer steht da der Schneider an der Theke, das Maßband um die Schultern gelegt und überträgt das Gemessene handschriftlich und mit konzentrierter Miene in das Auftragsbuch.

Über die vollen Straßen reichen an einigen Stellen Fußgängerbrücken. Wenn wir an der grünen sind, weiß ich, dass wir nahe am Hotel sind. Genutzt werden die Brücken nie, die Menschen schlängeln sich lieber direkt durch den zäh fließenden, stockenden Verkehr.
Verkehrszeichen gibt es kaum in Kabul. Nur ab und an steht ein verlorenes Zeichen am Straßenrand. Ich glaube nicht, dass irgendwer in einem der Autos es wahrnimmt oder befolgt. Fast wirkt es so als wäre es einfach nur vergessen worden.

Eine einzige Ampel habe ich im Stadtzentrum entdeckt. Die aber leuchtet nur blinkend gelb. Geregelt wird von ihr nichts, gewarnt werden muss eigentlich auch niemand. An der nächsten Straßenkreuzung stehen Polizisten auf einer Verkehrsinsel oder laufen darum herum. Ihre Aufgabe ist es, den Verkehr einigermaßen am Laufen zu halten. Sie halten in jede Richtung an, winken, gestikulieren, führen mal links, mal rechts um die Insel herum, je nachdem wo die Lücke größer zu sein scheint. Irgendwie läuft es.

Über den Straßen erhebt sich an einigen Stellen der Hindukusch mit seinen schneebedeckten Bergen. Bis zu 7000 m geht es dort hoch, die höchsten Berge wachsen pro Jahr um weitere 5 cm auf Grund der massiven Plattentektonik. Gestern erst bebte zweimal die Erde. Wo genau das Epizentrum war, habe ich nicht verstanden. Die Stärke von 4.6 auf der Richterskala hat hier niemanden auch nur annähernd aus der Ruhe gebracht.

Die näheren Berge zu deren Füßen Kabul liegt, reichen an die 2000 m hoch. Das Stadtzentrum Kabuls selbst liegt auf 1800 m. An den Berghängen ziehen sich die Häuser hoch. Irgendwann gehen sie in Hütten über. Die Ärmsten der Armen leben dort oben, ohne Elektrizität, ohne Wasser. Abends erkennt man die Armutsgrenze daran, dass ab einer bestimmten Stelle keine Lichter mehr zu sehen sind. Das Wasser tragen die Bewohner täglich mehrfach von unten herauf. Gerade eben hat die Stadtverwaltung ein neues Unterstüztungsprojekt beschlossen: Die Hütten sollen nun bunt angemalt werden, damit sie von unten freundlicher aussehen.

Oberhalb der Hütten steht auf dem einen Berg ein ganzer Wald von Funkmasten, hunderte strecken ihre elektrischen Finger in den Himmel. Auf dem anderen Berg erkennt man eine alte Stadtmauer. Sie ist etwa 3000 Jahre alt, erklärt mir mein Co-Teacher. Sie zeigt die Grenze des alten Kabul und wurde auf den Schädeln erbaut. Noch heute findet man dort oben die Überreste früherer Grabstätten. Bis in die 80er Jahre hinein waren alle Hänge grün mit Bäumen, ergänzt er. Dann kam der Krieg und alles Holz wurde abgeholzt und in den Öfen verbrannt. Heute ist dort nur noch Ödnis und Felswüste.

Kabul selber ist im Zentrum wieder aufgebaut. Bauruinen und Panzergerippe, die noch vor wenigen Jahren das Straßenbild geprägt haben müssen, schaut man ich alte Fotos an, sind verschwunden. Was geblieben sind, sind die Sicherheitsanlagen, um die herum sich der Alltag drängt.

In the physics lab

Wir stehen enggedrängt mit 10 Personen im kleinen Sammlungsraum des physics department der Amani High School. Die Kollegen der Schule haben gestern den Raum auf Vordermann gebracht, sie sind stolz auf das, was sie haben.

Mein Blick wandert über die Schränke, an deren Türen noch die alten deutschen Aufkleber hängen, in der Sprache, die heute keiner der Kollegen mehr spricht. In den Schränken stapeln sich braune Kartons, fein säuberlich geordnet – Schülerexperimentiermaterialien deutscher Fachanbieter. Sicherlich dreißig Jahre alt, doch vollständig, neuwertig, weil eigentlich nie gebraucht.

Ich gehe die Inhalte der Schränke durch, lobe die aktuelle lab technician, die jüngste Kollegin der Schule, der die Verantwortung für die Experimentiersammlung übertragen wurde und auch die Schlüsselgewalt. Als lab technician ist sie die Einzige, die Experimente durchführen darf. Die Kolleginnen und Kollegen bitten sie, passend in ihren Unterricht zu kommen. Wenn es nicht passt  – oder der Schlüssel nicht rechtzeitig vor Ort ist, weil der Verkehr die Straßen von Kabul mal wieder verstopft hat -, fällt das Experiment aus. Stattdessen wird Theorie unterrichtet. Zwischen den Bemerkungen höre ich heraus, dass Theorie statt Experiment der Standard ist.

Ich schlage vor, als ersten Schritt die alten Beschriftungen zu entfernen und durch solche in Dari zu ersetzen. Und dann mit einem schwarzen Stift die Kartons zu beschriften, damit jeder sofort weiß, was in welchem Karton ist und man nicht umständlich mehrere Kartons durchsehen muss, bis man den passenden Inhalt gefunden hat.

Ich schaue in die Runde, sehe Nicken. Dann übersetzt mein Co-Trainer einen Beitrag einer Kollegin: „I would like to do that – but how can I write down what is in the boxes if I don’t know what I can do with those things? I look into the boxes and I have no idea what all these things are about.“ – „We need training with these materials“, bekräftigt eine andere Kollegin, noch eine andere ergänzt: „I really want to learn it!“ Die Anleitungsbücher, die immerhin auf Englisch vorhanden sind und die ich hervorhole, reichen nicht. „I can read these and I can look at the pictures. But I still have no ideas of what the experiments will look like“ , meint die lab technician. An der Universität würden auch keine Experimente gemacht, flüstert mir mein Co-Trainer zu. Es fehlten Ausstattung und experimentelle Kenntnisse. Der Krieg hat auch hier mächtige Scharten gerissen.

Im Lab sprudeln jetzt die Ideen: an die Türen könnten Listen mit Inhalten der Boxen. Und mit möglichen Experimenten. Eine Liste mit vereinbarten, für alle verbindlichen Experimenten wäre sinnvoll. Dann könnten alle zusammen diese Experimente üben und dann wäre die lab technician nicht mehr allein verantwortlich, sondern sie alle. Die Lehrerinnen schauen mich an: „You must tell our headmaster that we all need this training. You have to tell him that only then we can really improve our teaching. Otherwise he will just have the technician trained.“

Eine Aufbruchstimmung breitet sich aus. Der Funke ist gelegt, denke ich. Fast schon wirkt es, als mache sich hier eine kleine Revolution breit. „Oh, I will make the list with experiments for the cupboards“, meldet sich mein ältester Teilnehmer um die Ecke schauend zu Wort und lächelt wieder verschmitzt. Erst jetzt fällt mir auf, dass bei dieser Diskussion nur die Frauen anwesend sind. Sie nehmen ihre Zukunft in die Hand. Mal wieder, will es mir scheinen.

Hierarchien

Von den fünfzehn Personen im Teacher Training sind drei Männer, zwölf sind Frauen. Die Altersspanne reicht von knapp dreißig bis sechzig, vielleicht auch darüber. Ich kann das Alter meines ältesten Teilnehmers schlecht schätzen – sein faltiges Gesicht mit dem weißen Bart und den verschmitzt lächelnden Augen sieht weit älter aus. Viele Männer hier in Kabul sehen uralt aus, wie entsprungen aus einer der Geschichten, die man am Feuer erzählt, seit hunderten von Jahren.

Selbstverständlich übernimmt mein ältester Teilnehmer als Mann die Fürsprecherrolle in der Gruppe. Er begrüßte am Anfang, er ist derjenige, der als erster morgens auf mich zukommt und mit beiden Händen meine Hand ergreift und mich begrüßt. Er ist auch derjenige, der mitten im Training sich leise nach links und rechts zu seinen männlichen Nachbarn neigt und einen Witz erzählt. Wenn er lacht, dann bebt sein ganzer Körper.  Wenn er mittags sein Lunch zu sich nimmt, hockt er auf der Bank im Hörsaal, die Beine angezogen, die Knie neben seinem Kopf, bewegungslos, nur ins Essen vertieft. Viele alte Männer sitzen in diese Haltung am Straßenrand, auf Mauern, unter Bäumen und warten. Regungslos. Ich kenne kaum jemand in Deutschland, der so lange sitzen könnte. Auch keine Jüngeren.

Wenn er seinen Witz erzählt, lachen die Männer. Wenn er etwas sagt, nicken sie. Niemand würde vorschnell etwas erwidern, kein Mann würde ihm widersprechen.

Am deutlichsten spiegelt sich für mich diese unerschütterliche, männliche Hierarchie im Verhalten des jüngsten Teilnehmers. Jung, gut ausgebildet, aufgeweckt. Westlich gekleidet in Jeans, spricht er gutes Englisch. Wir können uns gut verständigen. In das Training bringt er sich aktiv ein, erprobt neue Methoden, entwickelt Ideen, übernimmt Initiative. Sobald der älteste Teilnehmer dabei ist, gar zu seiner Gruppe dazu tritt, wechselt das Verhalten völlig: Er schweigt, neigt den Kopf, tritt häufig einen Schritt zurück. Männliche Hierarchie. Klar und eindeutig.

Bei den Frauen ist das anders. Vielleicht gibt es auch da eine Hierarchie, allerdings ist sie dann nicht so klar zu dechiffrieren. Unter den Frauen wird heftig und leidenschaftlich diskutiert. Manche treten selbstbewusst und erfahren auf, ihre ganze Körperhaltung signalisiert: „Ich weiß, wovon ich rede.“ Jeder Beitrag wird mit einem kurzen Nicken bekräftigt. Andere hören hauptsächlich zu, wiegen abwägend den Kopf, denken eindeutig mit. Wieder andere fragen gezielt nach, möchten die Inhalte tiefer und differenzierter verstehen, achten sehr gut auf sich und bringen ihre Bedürfnisse konsequent ein. Noch eine andere Teilnehmerin erklärt häufig Aspekte, schärft aus, schöpft aus ihrem Fundus als stellvertretene Schulleiterin einer der beteiligten Schulen. Für alle gilt verbindend: Aus ihren Augen blitzt Lebendigkeit, Interesse, Begeisterung.

Alle Frauen arbeiten sehr viel mit ihren Augen, ihrem Blick. Weit mehr als die Männer. Bleibt die Körperhaltung auch neutral, die Augen erzählen viel. Unter der Burka seien die Augen das einzige Fenster zur Umwelt, die einzige Möglichkeit sich der Welt außen mitzuteilen, habe ich gelesen. Burka trägt hier niemand im Kurs, auch keine Vollverschleierung. Der Schal über dem Kopf ist natürliche Selbstverständlichkeit und – zumindest hier im Kurs – mitnichten ein Zeichen einer niederen Stellung in der Hierarchie. Vielmehr gilt: Eine respektvolle Frau trägt einen wohl geordneten Schal, achtet auf perfekten Sitz und spiegelt damit die Achtung vor sich selbst.

Zumindest hier im Kurs erlebe ich die Frauen als diejenigen, für die die alte Hierarchie nicht mehr gilt. Jung und alt, die verschiedenen beruflichen Positionen durchmischen sich. Alle hören zu. Alle tragen bei. Alle lernen miteinander und voneinander.

Zeitungsschau, subjektiv

Morgens lese ich in diesen Tagen immer in der Afghanistan Times. Über die Tage hinweg entstand die Idee, eine kleine Zeitungsschau zu dokumentieren, Überschriften hauptsächlich. Die Themen wiederholen sich, variieren ein wenig, spiegeln die verschiedenen Facetten dieses Landes im Wechsel zwischen Krieg und Aufbruch, Kampf und Kultur. Alltage.

Die Auswahl ist selbstverständlich subjektiv. Sie kann gar nicht anders sein. Und soll es auch nicht.

 

Respekt.

It’s a nice garden.“ Ich drehe mich um und schaue in das Gesicht eines Wachmanns. Sandfarbene Militäruniform, schusssichere Weste, Maschinenpistole im Griff, drei Magazine als Reserve in den Brusttaschen der Weste. Standardausrüstung der privaten guards, die man in Kabul überall findet. Afghanische Männer unterschiedlichsten Alters. Dutzende auch hier im Hotel, am Eingang, auf den Mauern. Und heute auch im Garten.

It’s a good place to be“, lächelt mein Gegenüber. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig, vielleicht gerade dreißig. „Yes, it’s nice here“, antworte ich.

Respect is important. It is at the heart of our lives.“ Unvermittelt wechselt mein Gesprächspartner die Richtung des Gesprächs. „We need to have respect. Respect for each other. I respect you. And you show respect for me because you talk to me. We need to have respect here in Afghanistan.“

Er erzählt mir von seinen Reisen, auch in Europa war er schon, im Osten, in der Ukraine. Als Sportler für Afghanistan. Da hat er Unterstützung erfahren. Als Sportler, als champion. Jetzt, wo er wieder in Afghanistan ist, ist es anders geworden. „Nobody supports me now. My family has no support. Now I am a guard. It’s a hard job. But I can slowly work my way upwards as a guard.“ Er wirkt nachdenklich, aber entschlossen. Nach vorne blickend.

„I’ve seen you are a good man and I wanted to talk to you. I want to learn. I want to improve my knowledge and I want to improve my English.“

Ich schweige und höre zu. Welche Erfahrungen hat mein Gesprächspartner wohl schon gemacht in seinem Leben, dass ihm Respekt so wichtig geworden ist? Ein nachdenklicher, ernsthafter, lächelnder junger Mann. Wie sind ihm Menschen bisher begegnet? Normalerweise werden hier in Kabul die guards ignoriert, wenn sie einen nicht gerade kontrollieren. Sie sind halt da.

Sein Funkgerät knarzt, er muss los. „I wish you all the very best“, erwidere ich. Und ich meine es. „Thank you for talking to me“, verabschiedet sich mein Gegenüber. – „Thank YOU“, antworte ich. „Taschakor.“

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