Ich kenne die Straßenecke nur zu gut. Jeden Tag meines Aufenthaltes in Kabul bin ich mindestens einmal daran vorbeigefahren. Die Schule, an der das Training stattgefunden hat, liegt 200 Meter Luftlinie von dem Ort entfernt.

Ich kenne den Schlagbaum der dort stand. Kenne die Betonmauern, die nun weggerissen sind. Weiß, was die  Soldaten gemacht haben werden, als der Tanklastwagen in die gesperrte Straße fahren wollte. Vor allem aber weiß ich, wieviele Menschen morgens um halb neun auf den Straßen unterwegs sind. Zu Fuß die meisten, mit dem Rad, mit dem Auto, dem Taxi. Die Straßen gepackt voll, ein Vorwärtskommen ist um diese Zeit zäh und langsam.

Und genau darin offenbart sich die perfide, menschenverachtende Niederträchtigkeit des Anschlags: Wer immer dahinter steckt, wusste genau, was er tat. Wen er um diese Zeit treffen würde. Und – davon bin ich überzeugt – er wusste, dass er nie und nimmer an dem Schlagbaum vorbei kommen würde, um ein politisches, westliches, militärisches Ziel zu erreichen. Ich bin davon überzeugt, dass er genau wusste, dass dort, ganz am Anfang des Diplomatenviertels die Explosion ausgelöst würde.

Mir ist der Ort vertraut, die Menschen in den Straßen sind mir nahe. Dieser Ort ist nicht mehr eine Welt weit weg, er ist unmittelbar nahe gerückt und mit mir, meinem Leben hier verbunden.

Die Bilder der Explosion erreichen mich wenige Stunden, nachdem ich meinen ersten Zwischenbericht zum Trainingsverlauf geschrieben habe und Gedanken entwickelt habe, wie die Nachhaltigkeit des Projektes möglichst gesichert werden kann.

Treffender geht es kaum. Taz-Titel vom 01. 06. 2017

Bittere Realität in Afghanistan: Immer wieder werden Unschuldige, Menschen, die einfach nur ein sicheres Leben führen möchten für sich und ihre Kinder, durch Extremisten, Terroristen, Fanatiker herausgerissen aus ihren kleinen Sicherheiten. An diesem Morgen werden 90 Leben vernichtet, fast 500 Menschen verletzt, vielleicht für ihr verbleibendes Leben geschädigt. Familien werden zerrissen, Träume jäh beendet, Hoffnungen zerstört.

Mir fällt schwer in Worte zu fassen, was mir durch Kopf und Herz geht, als ich diese Bilder sehe. Es ist nah. Unvermittelt. Unmittelbar. Brutal.

Die deutschen Medien konzentrieren sich auf die nackten Zahlen, die Regierung rückt das beschädigte Botschaftsgebäude in den Vordergrund und bekräftigt, dass „kein Deutscher verletzt wurde“ und „die deutschen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher seien“. Der Innenminister beeilt sich indes zu verkünden, dass sich an der Einschätzung der Sicherheitslage nichts geändert habe und weiter in dieses Land abgeschoben werden könne. Nur der eine Flug würde ausgesetzt, weil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Botschaft im Moment wichtigere Dinge zu tun hätten, als sich um die organisatorische Abwicklung der Abschiebung zu kümmern.

Für mich ist diese Reaktion nur zynisch und – wenn auch auf ganz und gar andere Weise – menschenverachtend. Von einem würdevollen Umgang mit Geflüchteten in Deutschland und mit den Menschen in Afghanistan ist das meilenweit entfernt. Humanitäres Denken und Handeln sieht für mich anders aus.

Zumindest kann ich aufatmen, als ich zwei Mails von Menschen erhalte, die ich konkret vor Ort kenne. Es geht ihnen gut.

Wann halbwegs Normalität zurückkehren wird nach Kabul, ist mit diesem Tag noch ungewisser geworden. Dass Einsätze wie mein Training umso wichtiger sind, wenn überhaupt eine Friedensperspektive entstehen soll, ist noch klarer geworden. Ob sie aber noch möglich und vertretbar sind, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen. Zeigen können.