Von den fünfzehn Personen im Teacher Training sind drei Männer, zwölf sind Frauen. Die Altersspanne reicht von knapp dreißig bis sechzig, vielleicht auch darüber. Ich kann das Alter meines ältesten Teilnehmers schlecht schätzen – sein faltiges Gesicht mit dem weißen Bart und den verschmitzt lächelnden Augen sieht weit älter aus. Viele Männer hier in Kabul sehen uralt aus, wie entsprungen aus einer der Geschichten, die man am Feuer erzählt, seit hunderten von Jahren.

Selbstverständlich übernimmt mein ältester Teilnehmer als Mann die Fürsprecherrolle in der Gruppe. Er begrüßte am Anfang, er ist derjenige, der als erster morgens auf mich zukommt und mit beiden Händen meine Hand ergreift und mich begrüßt. Er ist auch derjenige, der mitten im Training sich leise nach links und rechts zu seinen männlichen Nachbarn neigt und einen Witz erzählt. Wenn er lacht, dann bebt sein ganzer Körper.  Wenn er mittags sein Lunch zu sich nimmt, hockt er auf der Bank im Hörsaal, die Beine angezogen, die Knie neben seinem Kopf, bewegungslos, nur ins Essen vertieft. Viele alte Männer sitzen in diese Haltung am Straßenrand, auf Mauern, unter Bäumen und warten. Regungslos. Ich kenne kaum jemand in Deutschland, der so lange sitzen könnte. Auch keine Jüngeren.

Wenn er seinen Witz erzählt, lachen die Männer. Wenn er etwas sagt, nicken sie. Niemand würde vorschnell etwas erwidern, kein Mann würde ihm widersprechen.

Am deutlichsten spiegelt sich für mich diese unerschütterliche, männliche Hierarchie im Verhalten des jüngsten Teilnehmers. Jung, gut ausgebildet, aufgeweckt. Westlich gekleidet in Jeans, spricht er gutes Englisch. Wir können uns gut verständigen. In das Training bringt er sich aktiv ein, erprobt neue Methoden, entwickelt Ideen, übernimmt Initiative. Sobald der älteste Teilnehmer dabei ist, gar zu seiner Gruppe dazu tritt, wechselt das Verhalten völlig: Er schweigt, neigt den Kopf, tritt häufig einen Schritt zurück. Männliche Hierarchie. Klar und eindeutig.

Bei den Frauen ist das anders. Vielleicht gibt es auch da eine Hierarchie, allerdings ist sie dann nicht so klar zu dechiffrieren. Unter den Frauen wird heftig und leidenschaftlich diskutiert. Manche treten selbstbewusst und erfahren auf, ihre ganze Körperhaltung signalisiert: „Ich weiß, wovon ich rede.“ Jeder Beitrag wird mit einem kurzen Nicken bekräftigt. Andere hören hauptsächlich zu, wiegen abwägend den Kopf, denken eindeutig mit. Wieder andere fragen gezielt nach, möchten die Inhalte tiefer und differenzierter verstehen, achten sehr gut auf sich und bringen ihre Bedürfnisse konsequent ein. Noch eine andere Teilnehmerin erklärt häufig Aspekte, schärft aus, schöpft aus ihrem Fundus als stellvertretene Schulleiterin einer der beteiligten Schulen. Für alle gilt verbindend: Aus ihren Augen blitzt Lebendigkeit, Interesse, Begeisterung.

Alle Frauen arbeiten sehr viel mit ihren Augen, ihrem Blick. Weit mehr als die Männer. Bleibt die Körperhaltung auch neutral, die Augen erzählen viel. Unter der Burka seien die Augen das einzige Fenster zur Umwelt, die einzige Möglichkeit sich der Welt außen mitzuteilen, habe ich gelesen. Burka trägt hier niemand im Kurs, auch keine Vollverschleierung. Der Schal über dem Kopf ist natürliche Selbstverständlichkeit und – zumindest hier im Kurs – mitnichten ein Zeichen einer niederen Stellung in der Hierarchie. Vielmehr gilt: Eine respektvolle Frau trägt einen wohl geordneten Schal, achtet auf perfekten Sitz und spiegelt damit die Achtung vor sich selbst.

Zumindest hier im Kurs erlebe ich die Frauen als diejenigen, für die die alte Hierarchie nicht mehr gilt. Jung und alt, die verschiedenen beruflichen Positionen durchmischen sich. Alle hören zu. Alle tragen bei. Alle lernen miteinander und voneinander.