Auf dem Weg von der Schule zum Hotel fahren wir an einer lärmenden Gruppe von Jungen in ihren Schuluniformen vorbei. Blaue Hemden, schwarze Hosen, Rucksäcke auf den Schultern. Sie lachen, schubsen, rufen. Einige sind auf dem Rad unterwegs, zu zweit zumeist, einer sitzt auf dem Gepäckträger. Wären da nicht die hohen Betonmauern und die Soldaten auf ihren Wagen direkt daneben, könnte dies eine Szene aus Deutschland sein. Was für uns fremd ist, kennen sie nicht anders. Sie sind in dieser Stadt aufgewachsen, für sie ist das Leben hier normaler Alltag. Worüber sollten sie sich wundern? Und wenn sie lachend unter den heruntergelassenen Schranken am nächsten Kontrollpunkt hindurchtauchen, ist es nur ein ganz normaler Heimweg am Ende eines ganz normalen Schultages.

Sobald man von einer der asphaltierten Hauptstraßen in eine Seitenstraße schaut, gibt es keinen Asphalt mehr, nur noch Schotter, dazu viele Schlaglöcher. Nicht dass in den Hauptstraßen keine Schlaglöcher sind. Es sind nur weniger. Und auch in den Nebenstraßen sausen die Rad- und Motorradfahrer in einem Affentempo zwischen den Autos hindurch, um sich einen Weg zu bahnen. Einbahnstraßen zählen für sie nicht. Es geht darum schneller von A nach B zu kommen.

Die farbigen Auslagen der Straßenhändler heben sich heftig vom Grau-Braun der Gebäude dahinter ab: Das Obst leuchtet mir ebenso entgegen, wie die kleinen bunten Kinderwesten, die Getränkedosen und der bunte Sonnenschirm über dem Tisch des Schreibers, der auf Kundschaft wartet. Die Farben übertünchen sogar den Stacheldraht auf den Mauern hinter den Ständen und drängen ihn in den Hintergrund.

Am Straßenrand sitzen alte Männer in Schubkarren. Dutzende warten darauf, dass jemand ihre Dienste in Anspruch nimmt und seine Waren transportieren lässt. Erst einmal habe ich einen der Alten gesehen, wie er seine Karre geschoben hat. Sie war bis vielleicht zweieinhalb Meter hoch mit grünen Ballen unindentifizierbaren Inhalts aufgestapelt und deutlich breiter als normal. Wie er sehen konnte, wo er hinschiebt, blieb mir unklar. Aber gestockt hat zu keinem Moment.

Der Park in der Nähe meines Hotels, den ich jeden Tag mehrfach umfahre, weil er von einem Einbahnstraßensystem umgeben ist, wirkt in seinem unvermittelten Grün fast deplaziert im Staub dieser Stadt. Durch die Eisenzäune und die daran aufgehängten Waren der Straßenhändler erkennt ich Wiesen und Bäume, Pavillons, kleine Snackstände. Wieviele von denen geöffnet haben, kann ich nicht erkennen. Sie sind aber zu neu, um bloße Überbleibsel einer anderen Zeit zu sein.

An einer Straßenecke fahren wir immer an einem Metzger vorbei. Auf der Straße vor seinem Geschäft stehen Körbe mit Hühnern. Innen hängen große Fleischstücke im Fenster. Heute wird gerade auf dem Boden des Geschäfts ein Schaf auseinander genommen.

Zwei Geschäfte weiter werden Ledertaschen angeboten, eindeutig hier vom Händler selbst hergestellt. Schönes, professionelles Handwerk. Genauso wie beim Schneider nebenan. Die traditionelle afghanische Kleidung kauft man nicht von der Stange. Hose, Hemd und Weste werden individuell handgefertigt. Manchmal bringt man den Stoff mit in den Laden des Schneiders, manchmal wählt man aus den Ballen aus, die die Wände säumen. Immer steht da der Schneider an der Theke, das Maßband um die Schultern gelegt und überträgt das Gemessene handschriftlich und mit konzentrierter Miene in das Auftragsbuch.

Über die vollen Straßen reichen an einigen Stellen Fußgängerbrücken. Wenn wir an der grünen sind, weiß ich, dass wir nahe am Hotel sind. Genutzt werden die Brücken nie, die Menschen schlängeln sich lieber direkt durch den zäh fließenden, stockenden Verkehr.
Verkehrszeichen gibt es kaum in Kabul. Nur ab und an steht ein verlorenes Zeichen am Straßenrand. Ich glaube nicht, dass irgendwer in einem der Autos es wahrnimmt oder befolgt. Fast wirkt es so als wäre es einfach nur vergessen worden.

Eine einzige Ampel habe ich im Stadtzentrum entdeckt. Die aber leuchtet nur blinkend gelb. Geregelt wird von ihr nichts, gewarnt werden muss eigentlich auch niemand. An der nächsten Straßenkreuzung stehen Polizisten auf einer Verkehrsinsel oder laufen darum herum. Ihre Aufgabe ist es, den Verkehr einigermaßen am Laufen zu halten. Sie halten in jede Richtung an, winken, gestikulieren, führen mal links, mal rechts um die Insel herum, je nachdem wo die Lücke größer zu sein scheint. Irgendwie läuft es.

Über den Straßen erhebt sich an einigen Stellen der Hindukusch mit seinen schneebedeckten Bergen. Bis zu 7000 m geht es dort hoch, die höchsten Berge wachsen pro Jahr um weitere 5 cm auf Grund der massiven Plattentektonik. Gestern erst bebte zweimal die Erde. Wo genau das Epizentrum war, habe ich nicht verstanden. Die Stärke von 4.6 auf der Richterskala hat hier niemanden auch nur annähernd aus der Ruhe gebracht.

Die näheren Berge zu deren Füßen Kabul liegt, reichen an die 2000 m hoch. Das Stadtzentrum Kabuls selbst liegt auf 1800 m. An den Berghängen ziehen sich die Häuser hoch. Irgendwann gehen sie in Hütten über. Die Ärmsten der Armen leben dort oben, ohne Elektrizität, ohne Wasser. Abends erkennt man die Armutsgrenze daran, dass ab einer bestimmten Stelle keine Lichter mehr zu sehen sind. Das Wasser tragen die Bewohner täglich mehrfach von unten herauf. Gerade eben hat die Stadtverwaltung ein neues Unterstüztungsprojekt beschlossen: Die Hütten sollen nun bunt angemalt werden, damit sie von unten freundlicher aussehen.

Oberhalb der Hütten steht auf dem einen Berg ein ganzer Wald von Funkmasten, hunderte strecken ihre elektrischen Finger in den Himmel. Auf dem anderen Berg erkennt man eine alte Stadtmauer. Sie ist etwa 3000 Jahre alt, erklärt mir mein Co-Teacher. Sie zeigt die Grenze des alten Kabul und wurde auf den Schädeln erbaut. Noch heute findet man dort oben die Überreste früherer Grabstätten. Bis in die 80er Jahre hinein waren alle Hänge grün mit Bäumen, ergänzt er. Dann kam der Krieg und alles Holz wurde abgeholzt und in den Öfen verbrannt. Heute ist dort nur noch Ödnis und Felswüste.

Kabul selber ist im Zentrum wieder aufgebaut. Bauruinen und Panzergerippe, die noch vor wenigen Jahren das Straßenbild geprägt haben müssen, schaut man ich alte Fotos an, sind verschwunden. Was geblieben sind, sind die Sicherheitsanlagen, um die herum sich der Alltag drängt.