Clothing is an issue here in Afghanistan.“ Diesen Ausspruch einer der Personen, mit denen ich hier in Kabul zusammenarbeite, habe ich mehrfach in diesen Tagen neu durchdacht.

Ich habe gelernt, dass traditionelle Kleidung noch lange nicht heißt, dass jemand konservativ  im negativen Sinn ist. Ein Kopftuch bei Frauen heißt mitnichten, dass die Trägerin nicht aufgeschlossen, selbstbewusst und engagiert ist. Wenn ich an die Lehrerinnen in meinem Training denke, habe ich ganz andere Eindrücke gewonnen. Und auch über Vollverschleierung und Burka maße ich mir kein Urteil an. Sie sind mir fremd, aber wie wenig weiß ich über die Hintergründe.

Eine respektvolle Frau trägt in Afghanistan ein Kopftuch in der Öffentlichkeit. Sie sitzt auch nicht mit einem Mann gemeinsam auf der Rückbank eines Autos, wenn es nicht ihr Ehemann ist. Niemals würde sie auf ein Zimmer eines Mannes gehen. Aber ein anständiger Mann würde sie auch nie auf sein Zimmer einladen – vielmehr wird er das Gespräch mit ihr in der Öffentlichkeit suchen. Dann aber erfolgt ein solches Gespräch auf Augenhöhe und unter Gleichen. Es ist gegenseitige Verantwortung von Männern und Frauen in dieser Gesellschaft, auf Würde, Respekt und Ehre zu achten.

Anzügliche Bemerkungen sind ebenso verpönt wie freizügiges Auftreten und die Missachtung des Alters. Die Menschen, denen ich hier in Afghanistan begegnet bin, begegnen einander in Achtung und herzlichem Miteinander.

Fundamentalistische Einstellungen finden sie verabscheuenswürdig und lehnen sie ab. Sogar in religiösen Fragen fordern die Menschen, mit denen ich sprechen konnte – und wo das Thema „aufkam“ -, einen Islam, der nach vorne schaut, der die Anforderungen einer globalisierten Welt ernstnimmt und dessen Gelehrte den Gläubigen sinnvolle, ernsthafte und heutige, nicht gestrige Antworten auf die Sorgen dieser Zeit geben.

Eben diese Menschen fühlen sich aber auch vor den Kopf gestoßen von Westlern, die als Besserwisser und Heilsbringer nach Afghanistan kommen. Sie fühlen sich verletzt durch bolleriges, herrisches Auftreten, durch häufig unreflektiert preisgegebenes Desinteresse an den Gefühlen, Ansichten und Wertvorstellungen ihrer Gegenüber.

Sie möchten ernstgenommen werden in ihrer Kultur, ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen.

„Clothing is an issue here in Afghanistan.“ Für mich ist diese Kleidungsfrage in diesen Tagen zu einer Art Brennglas geworden. Nicht im Blick auf die Kleidung, die afghanische Frauen, Männer und Kinder tragen, sondern vielmehr im Blick auf die Kleidung, die die Westler hier tragen.

Wir Westler hier sind sichtbar, egal mit welcher Kleidung. Gesichtszüge, Hautfarbe, Haare, Augenfarbe, selbst die Brillen, die wir tragen, unterscheiden sich von denen der afghanischen Männer und Frauen. Wir fallen auf, werden mehr oder weniger versteckt beäugt. Vor allem dann, wenn wir Zivilisten sind.

Ich meine, bei den Westlern drei Arten von Menschen ausgemacht zu haben.

Da gibt es die Business-Menschen, die im westlichen Einheitsanzug der Geschäftswelt auftreten. Dieser Anzug wird mittlerweile anscheinend überall getragen. Auch Inder und Japaner habe ich hier getroffen, die mit eben diesen Anzügen auftraten – ebenso wie einige ihrer afghanischen Geschäftspartner. Auch viele afghanische Politiker tragen diese Anzüge. Alternativen werden anscheinend nicht überall akzeptiert.

Dann gibt es diejenigen, denen ich für mich den Begriff Outdoor-Menschen gegeben habe. Sie tragen beige oder dunkelgrüne Cargo-Pants, ein beiges Hemd mit vielen Taschen, natürlich nicht in der Hose, sondern darüber getragen. Ihre Schuhe sind robust und hoch geschnürt. Sie signalisieren „Wir können überall hin und kommen klar.“ Häufig sprechen diese Menschen einiges an Dari oder Paschtu. Sie sind erkennbar nicht einheimisch. Mitunter aber empfinde ich dieses Outfit fast schon brutal „offen“ und abgrenzend zur Business-Fraktion, v.a. hier in Kabul, in der Stadt.

Natürlich gibt es auch die Short-Träger, die mit Flip-Flops und knappem T-Shirt unterwegs sind. Nicht nur im Hotel, ich begegne ihnen auch auf dem Weg nach draußen. Sie sind aber – mittlerweile? zum Glück? – nur vereinzelte Exemplare.

Ein vereinzeltes Exemplar war aber auch mein Nachbar auf dem Flur: Gebürtiger Pole, lebt er seit Jahren in New York. Beruflich ist er häufiger in Kabul. Er trägt traditionelle afghanische Kleidung, sein Auftreten ist erkennbar islamisch geprägt. Erst dachte ich, er wäre ein Konvertit, vielleicht auch ein in Europa aufgewachsener Afghane. Bis er mir seine Geschichte erzählte: Er möchte nicht auffallen und ist davon überzeugt, dass er so weniger auffällt und damit sicher ist vor Anschlägen.

Die meisten Männer tragen normale Hosen und langärmelige Hemden. Sie sind erkennbar westlich und doch respektieren sie die Regeln, die hier gelten. Sie verkleiden sich nicht, grenzen sich aber auch nicht übertrieben ab. Dasselbe gilt für die Frauen, denen ich bei meiner Arbeit begegne: Die meisten tragen in der Öffentlichkeit einen Schal, legen ihn aber im beruflichen Kontext ab, wenn man sich kennt und sie das Gefühl haben, niemandem damit zu nahe zu treten oder zu befremden.

Natürlich gibt es auch die Frauen, die bewusst ohne Kopftuch auftreten und massiv einfordern, dass sie so akzeptiert werden sollen, wie sie sind. Ich finde diese Einstellung zumindest schwierig. Ich kann nachvollziehen, was der Beweggrund ist. Aber ich habe auch die Eindrücke im Ohr von den Gesprächen mit den afghanischen Männern und Frauen, denen ich hier begegnet bin.

Clothing is an issue here in Afghanistan.“ Es geht um Respekt, um Würde, um gegenseitige Akzeptanz. Es geht um Authentizität und Wertschätzung. Und sicherlich auch um einen Perspektivwechsel und den Versuch, die Welt mit den Augen eines anderen Menschen zu sehen, meines Gegenübers. Vielleicht ist das ein Ansatzpunkt für interkulturelles Miteinander.