Im Anflug auf Dubai sehe ich unter mir die vertrauten Farben arabischer Städte – viel Beige, viel Braun. Sand und Stein. Helle Häuser, ein Gewirr an Straßen. Aus der Höhe erschließen sich Muster, Stadtteile rücken zusammen.

Was die Farben angeht, unterscheiden sich Dubai und Kabul kaum. Auch die Umgebung mit den Bergen, deren Abhänge gleich hinter der Stadt emporsteigen, ähnelt sich. Nur das nahe Wasser fehlt in Kabul, dort gibt es nur den mageren Strom des Kabul River, der – aus Osten kommend – sich durch die Stadt schlängelt, einem tiefen Graben gleich.

Was aber auffällt, ist der Staub, der fehlt. Heute morgen hing wieder die tägliche grau-braune Dunstglocke über Kabul. Erst in größerer Höhe machte sie dem Blau des Himmels Platz. Stattdessen ist Dubai schon aus der Luft heraus – sauber. Die Straßen ziehen sich gerade und klar strukturiert, v.a. aber eindeutig asphalt-grau durch die Landschaft. Die Häuser sind weiß, mit roten, blauen, orangenen Verzierungen. Als wir tiefer kommen, erkenne ich die Swimming Pools. Und blicke erstaunt auf das viele Grün, das die Straßen säumt. Trotz Wüste werden hier anscheinend Unmengen an Wasser in die Bewässerung und damit Begrünung der gesamten Stadt gepumpt. Auf alten Fotos aus den 60er und 70er Jahren tauchen auch in Kabul wie selbstverständlich grüne Parks und Straßenbäume auf. Die Rosen von Kabul sind seit damals fast legendär. Heute werden sie aus Pakistan importiert und blühen nur noch in den Innenhöfen der großen Hotels.

Das nächste, was mir auffällt, als wir gelandet sind: Security ist hier nicht allgegenwärtig. Militär sehe ich auch in Flughafennähe nicht.

Was mich noch mehr wundert, ist, dass mir dieses Fehlen auffällt. In den Tagen in Kabul hatte ich mich an die Dauerpräsenz von Soldaten, guards, Maschinenpistolen gewöhnt und zückte schon immer automatisch meine ID card, wenn wir uns einer Straßensperre näherten. Abtasten und Röntgen der Taschen war selbstverständlich – nicht nur am Flughafen, sondern bei jeder Rückkehr in das Hotel.

Nach diesen paar Tagen bereits war meine anfängliche Irritation einer seltsamen Routine gewichen. Ich wusste die kleinen Handzeichen zu deuten, wenn die Karte gezeigt werden musste, wusste, dass der Motor ausgestellt wurde, wenn der Unterboden des Fahrzeugs mit Spiegeln auf MIEDs abgesucht wurde. (Allein das: Noch vor 9 Tagen hatte ich keine Ahnung, was MIEDs sind – magnetic improvised explosive devices. Fachjargon afghanischen Alltags.)

Ich wusste, wo etwas versteckt hinter Sandsäcken oder Betonwänden die Panzer standen. Einen hatte ich fast ins Herz geschlossen – es war einer der kleinen Panzer, deren offener Schießstand ständig besetzt war. Die Wache auf diesem Fahrzeug hatte sich gegen die Sonne einen Sonnenschirm aufgespannt, der bekannte afghanische Softdrink sorgte für etwas Kühlung. In dieser Absurdität ist es fast mein favourite geworden, wenn ich das überhaupt so sagen darf. Vielleicht ist sogar dieser Begriff bereits ein Hinweis darauf, wie irritierend schnell das Pervers-Brutale und eigentlich Unmenschlich-Verstörende der Nachkriegszeit zur Normalität im Alltag werden kann.

Hier in Dubai ist schon alles sehr westlich geworden, auch wenn der Flughafen hier ein Umschlagplatz von Menschen aus Asien, Afrika, Europa, Amerika… ist und sich die unterschiedlichsten Wege und Kulturen begegnen. Es hat was von einem langsamen Ankommen, einer schrittweisen Rückkehr in meine Welt. Auch wenn es bis hierhin nur gut zwei Stunden Flug sind von Kabul, liegt aber eigentlich schon ein riesiger Sprung hinter mir.

Der nächste Weltensprung startet gleich. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis mir mein normaler Alltag wieder ganz normal vertraut ist. Und das Irritierende wieder irritierend geworden ist.