Weil wir die Karten schon lange gekauft hatten, war ich tags nach meiner Rückkehr aus Afghanistan in Faust II. Vor zwei Jahren wurde am Dortmunder Schauspielhaus Faust I als Ballett adaptiert, nun folgte eine ebenso spannende wie herausfordernde Adaption des zweiten Teils.

Was für ein Kulturschock: Hier inmitten der Bildungsbürgerinnen und Theaterliebhaber zu sitzen, in einem perfekt ausgestatteten Theater, einer hervorragenden Inszenierung zu folgen, sich herausfordern lassen zu können von den Bildern, die der Dramaturg und Regisseur geschaffen haben.

In Afghanistan hatte ich nur ein einziges Mal von einem Theaterprojekt gelesen: Ein junger Mann, der unter Lebensgefahr durch die ländlichen Gegenden zog, um mit seinem Ein-Mann-Theater politische Aufklärungsarbeit zu leisten. Um den Menschen, die dort abgeschieden leben, häufig ohne jede Schulbildung, ein wenig von dem zu erzählen, was politisch in ihrem Land geschieht.

Was für ein Weltensprung.

Die Faust II-Adaptierung war geprägt von den Erfahrungen der Flüchtlingsströme, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen. Die Tausende von Menschen, die im übertragenen Sinn nach Deutschland, im Wortsinn an die Strände Italiens und Griechenlands gespült worden waren, haben Einzug in die Bildsprache dieses Faust II gefunden.

„Wir dürfen nicht für selbstverständlich nehmen, dass wir im Frieden leben dürfen“, sagte der Dramaturg vor der Aufführung dem Publikum. Wie wahr. Und wie theoretisch war für mich noch vor wenigen Wochen diese Aussage. Jetzt saß ich dort, kaum 20 Stunden nach meiner Rückkehr aus einem Land mit 35 Jahren Kriegsgeschichte. Mit drastisch verändertem Blick.

Frieden ist für wahr alles andere als selbstverständlich.