„Gott sei Dank, dass du heil wieder hier bist. Ich war so froh zu lesen, dass du am Freitag schon wieder in Dubai warst.“ Mit diesen Worten empfängt mich ein Bekannter, der eher nicht für überschwängliche Emotionen bekannt ist.

Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass in Kabul bei einem Überfall ein afghanischer Wachmann und eine Deutsche erschossen, eine Finnin entführt worden sind. Sofort bin ich gefühlt wieder mitten in Kabul. Die Fotos, die ich bei den Nachrichten sehe, sind mir vertraut. Und über genau diese Situation hatte ich in der vergangenen Woche noch mit meinem Projektmitarbeiter diskutiert. Da. Vor Ort.

Der Überfall erfolgte mitten in der Nacht auf das guesthouse, in dem die beiden Mitarbeiterinnen einer NGO (non government organisation) wohnten. Ihre Organisation hatte militärische Bewachung abgelehnt – wie viele andere NGOs auch, denen der unverstellte, direkte Kontakt zu ihren afghanischen Projektpartnern und den Menschen, die hier leben, wichtiger ist, als der Schutz mit Waffengewalt. In unserem Projekt sind die Prioritäten anders gesetzt worden, für mich gelten wie für die anderen ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter strengste Sicherheitsvorkehrungen.

In unserer Diskussion war es auch darum gegangen, ob diese Vorkehrungen wirklich in dieser Schärfe notwendig sind.

Jetzt, wo ich die Nachrichten lese, spult vor meinem Inneren Auge sofort die gesamte Liste der Sicherheitsdetails ab. Das Briefing war unmissverständlich, klar und eindeutig. Ich bin froh um diese Eindeutigkeit und weiß, dass ich mich auf „meine“ security verlassen kann. Verlassen muss.

Vertraute Situation. Sinnvolles Procedere. Alltag in Kabul. Und kaum eine andere Möglichkeit für uns, am Wiederaufbau Afghanistans mit zu bauen und ein wenig beizusteuern.

Ich stutze – wie so oft in diesen Tagen: Vertraute Situation, habe ich gerade geschrieben. Was, um alles in der Welt, fährt es mir durch den Kopf, ist an dieser Situation vertraut und Alltag?

Und doch ist es genau das. Diese Verstörung wird noch lange anhalten, ahne ich.