Afghanistan hatte ich nie auf dem Schirm. Dieses Land war einfach nur weit weg.

Und doch – wenn ich in diesen Tagen versuche zurückzudenken, kommen mir manche Erinnerungssplitter in den Sinn, die schon lange in den Hintergrund gerückt waren.

Die ersten Erinnerungen an den Namen dieses fernen Landes reichen viele Jahre zurück: Als ich noch ein Kind war, war die damalige Sowjetunion dort einmarschiert. Jahre später erinnere ich einen Stellvertreterkrieg zwischen den Amerikaner und den Sowjets. Dann wurde es in meiner Erinnerung still um dieses Land mit dem fernen Namen.

Noch wieder Jahre später, nach 09/11, tauchte der Name wieder auf. In Verbindung mit Terroranschlägen. Als Unterkunft des damals meistgesuchten Terroristenführers. Und Bush definierte quer durch Afghanistan seine „Achse des Bösen“. Wieder waren es Krieg, Bomben und Guerillakriege, die die Bilder und Eindrücke aus Afghanistan prägten.

Unter den Taliban verschärfte sich das Bild eines repressiven, islamistisch geprägten, zutiefst zerrütteten, zerstörten Landes, dessen Bevölkerung von seinen Beherrschern mit Riesenschritten in – aus meiner westlichen Sicht – tiefstes Mittelalter zurückgetrieben wurde.

Wieder wurde vom Westen gebombt und nur wenige Monate später war das Talibanregime entmachtet – und wieder in den Untergrund getrieben. Jahre der mühsamen Befriedung brachen an. Berichte von traumatisierten Bundeswehrsoldaten erreichten die Nachrichten, immer wieder wurde der scheinbare Frieden durch Bombenanschläge in Gefahr gebracht. Vielleicht war er auch nie wirklich da.

Dann begann internationale Aufbauarbeit. Ich erinnere, dass die Bundesrepublik afghanische Soldaten ausbildete und deutsche Polizisten halfen, grundlegende afghanische Polizeistrukturen wieder aufzubauen. Viel war nicht mehr da nach den Jahrzehnten verheerender, alles zerstörender Kriege und bewaffneten Auseinandersetzungen.

2014 wurden die internationalen Truppen zu großen Teilen abgezogen. Bei mir blieb die Frage, ob das jetzt gut gehen kann. Oder ob sich der Westen nicht doch zu einfach aus der Affäre zog.

Aber für eine fundierte, differenzierte Einschätzung fehlte mir das Wissen. Und andere Themen waren für mich in meinem Leben in Deutschland wichtiger. Afghanistan verschwand wieder aus meinem Horizont.

Ich hatte dieses Land schlicht nicht auf dem Schirm.

Bis mich eine ehemalige Schülerin, die ich vor Jahren unterrichtet und beraten hatte, ausfindig machte und kontaktierte: Im Rahmen eines Wiederaufbauprojektes wurden teacher trainer gesucht. Genauer: ein teacher trainer für Physik.

Training für afghanische Kolleginnen und Kollegen. Auf Englisch, in ständiger Übersetzung in Dari. Mit viel Empathie und Zuhören, Nachspüren, was die Kolleginnen und Kollegen mitbringen. Was sie können, was sie brauchen. Aus ihrer Sicht. Nicht von oben herab. Nicht mit fertigem westlichen Konzept. Sondern orientiert an dem, was vor Ort, in dieser Kultur, mit diesen Menschen – Erwachsenen wie Kindern – möglich ist und sinnvoll.

Seit dieser Anfrage ist Afghanistan plötzlich sehr präsent. Nah und fern zugleich.

Aufforderung. Herausforderung.

Das Gefühl, auf einmal etwas einbringen zu können:

Das, was ich richtig gut kann und seit Jahren beruflich mache, kann ich nun einsetzen, um ein klein wenig dabei mitzuhelfen, dass die Menschen in diesem fernen, fremden Land ein, zwei Schritte weiter gehen können auf dem Weg dorthin, was irgendwie an so etwas wie „Normalität“ erinnert.

Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.