Just a world apart

Experiencing Physics Teacher Training in Kabul

Schlagwort: andere Welten

Frühstück

Beim Frühstück komme ich nicht umhin, in das Gespräch am Nachbartisch hinein zu hören. Ein Inder, ein Belgier sitzen gemeinsam am Tisch, ein englisches, internationales Gespräch. Immer wieder schauen beide wie selbstverständlich auf ihre Smartphones, lesen Nachrichten, antworten, nehmen ihr Unterhaltung wieder auf. Wie Wellen scheint das Gespräch zu laufen – eine Weile redet der eine, der andere schweigt, nickt, äußert Verständnis. Dann wechselt die Seite, der andere übernimmt. Nun hört der erste geduldig zu. Etwas später wird die Welle wieder zurückschwappen.

Es geht – natürlich – um berufliche Erfahrungen. Alle Gespräche der Internationalen hier in Kabul drehen sich um diese Erfahrungen. Auch gestern, als ich mit anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der GIZ abends im Compound der Europäischen Union war, stand Beruf so gut wie ohne Einschränkungen im Vordergrund. Die schon schmunzelnd vorgebrachte Vorgabe „Ab jetzt nur noch Privates!“ hielt sechs, sieben Minuten. Dann tauchten die beruflichen Aspekte wieder an die Oberfläche und blieben zumindest indirekt den Abend über präsent. Freizeit in Kabul – ein anderes Kapitel.

Mein belgischer Tischnachbar arbeitet anscheinend als Consultant für eine Baufirma und hat Probleme mit seinem Projekt in Kandahar. Am Flughafen wurden seinen Mitarbeitern die Pässe abgenommen, ohne die sie nicht arbeiten dürfen. Es ist schon die zweite, dritte Generation von Mitarbeitern – die vorherigen wurden von den lokalen Gouverneuren abgelehnt, zurückgeschickt. „He didn’t like them. Now he brought his own people forward and tried to get them the jobs.“ Sein indisches Gegenüber nickt verständnisvoll. Ja, das kennt er auch.

Am Flughafen in Kandahar scheinen wie so oft verschiedene Positionen in einer Person vereinigt zu sein. Für uns gewohnte, vermutlich sinnvolle Ämtertrennung findet nicht statt, stattdessen liegt das Hauptinteresse – nachvollziehbar – darauf, den eigenen Leuten, Freunden, der Familie Möglichkeiten zu geben, ihr Leben zu finanzieren. „In Pakistan they started to privatise the airports. And now it seems to work alright“, berichtet der Inder. „Ah. They should try to do this in Kandahar, too“, nickt der Belgier. Dann schaut er wieder auf sein Smartphone.

Hätte ich hinüber geschaut, hätte ich vermutlich gesehen, dass sich sein Gesicht aufgehellt hat beim Lesen. Das Schauen wäre für mich unhöflich gewesen, so höre ich es nur aus der jetzt veränderten Stimmlage heraus. „That was my family. They are back in Belgium. I definitely have to go back and see them soon.“ Er hält inne. „I have so little holidays. I can see my boy only four times a year.“

Der Inder ist mitfühlend, für ihn sind es nur zwei Stunden Flug. Das lohnt sich schon für ein Wochenende.

Ich bin froh, dass ich nur eine begrenzte Zeit hier bin – klar überschaubar, mit eindeutiger Perspektive, meine Lieben bald wiederzusehen. So kann ich mich auf das konzentrieren, was meine Aufgabe hier ist und gleichzeitig die vielen Eindrücke aufnehmen, mich langsam dieser anderen Welt annähern, ohne meine eigene je komplett zu verlassen. Ist das ein erstes Fazit, zwei Welten getrennt zu halten, um unbeschadet von der einen in die andere zu wechseln und nur – nur! – die neuen Perspektiven nachzuempfinden? Dafür ist es wohl noch zu früh. Es sind ja erst zwei Wochen.

An meinem Nachbartisch hat sich der Belgier wieder dem Beruflichen zugewandt. „It’s hard to find people for Kandahar. Noboday wants to go there. No manager wants to go there.“ Der Inder nickt. Auch das scheint er zu kennen. Vielleicht spürt er aber auch nur, dass hier einfaches Zuhören gut tut.

Eine andere Welt

Ort: Flughafen Düsseldorf, Terminal C. Business Lounge meiner Fluglinie.

Zeit: Zwei Stunden vor Abflug Richtung Dubai.

Der Check-In ist erfolgt. Ich fliege zum ersten Mal Businness Class – die Schlange am Schalter war deutlich kürzer als in der Economy Class. Nach Body Scan und elektronischer Passkontrolle sitze ich nun in der Business Lounge und warte auf den Abflug.

Schon jetzt habe ich das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein: Unten in der Flughalle warteten Familien, Großeltern, Kinder, die meisten arabischer Herkunft. Neben den Koffern hatten sie die verschiedensten, verschnürte Alltagsgegenstände mit – Dinge vermutlich, die sie mitbringen sollen, die sie zuhause nicht bekommen. Einen Fernseher habe ich gesehen, einen Mixer, riesige Pakete Windeln.

In meiner Schlange war das Gepäck kleiner. Eine Aktentasche mit Laptop war Standard. Sehr gemischte Nationalitäten, verschiedene Kulturen, die aufeinander treffen. Man spricht Englisch. Aber alle tragen legere Kleidung – es scheint bequemer zu sein für den Flug. Ich atme durch: Auffallen tue ich hier nicht. Noch ist es irgendwie meine Welt.

Nun, nach einem indischen Mittagessen mit frischen Früchten zum Nachtisch (buffet included) sitze ich nun selber am Laptop, lasse meinen Blick schweifen. Die Familien, Großeltern, Kinder sind nicht mehr hier. Die gemischten Nationalitäten sind geblieben. Es ist ruhig hier, die Hektik eine Etage unter uns haben die Menschen hier zurück gelassen. Man isst, trinkt, ist letztlich unter sich.

Auch von den Alltagsgegenständen ist hier nichts zu sehen. Dann schon eher Taschen aus dem Duty Free-Bereich.

Auffallen tue ich auch hier nicht. Aber es ist deutlich weniger meine Welt.

„Die da oben“ geht mir durch den Kopf. Und: „die da unten“. Aber noch sind wir in Deutschland. Um wieviel anders noch wird der Eindruck sein, wenn ich in ein paar Stunden in Kabul aus dem Flughafengebäude trete.

Ich atme tief durch. Auffallen werde ich da. Als Fremder, als Gast aus einer anderen Welt. Und doch sind es „nur“ knapp 5000 Kilometer.

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