Just a world apart

Experiencing Physics Teacher Training in Kabul

Schlagwort: Frauen

In the physics lab

Wir stehen enggedrängt mit 10 Personen im kleinen Sammlungsraum des physics department der Amani High School. Die Kollegen der Schule haben gestern den Raum auf Vordermann gebracht, sie sind stolz auf das, was sie haben.

Mein Blick wandert über die Schränke, an deren Türen noch die alten deutschen Aufkleber hängen, in der Sprache, die heute keiner der Kollegen mehr spricht. In den Schränken stapeln sich braune Kartons, fein säuberlich geordnet – Schülerexperimentiermaterialien deutscher Fachanbieter. Sicherlich dreißig Jahre alt, doch vollständig, neuwertig, weil eigentlich nie gebraucht.

Ich gehe die Inhalte der Schränke durch, lobe die aktuelle lab technician, die jüngste Kollegin der Schule, der die Verantwortung für die Experimentiersammlung übertragen wurde und auch die Schlüsselgewalt. Als lab technician ist sie die Einzige, die Experimente durchführen darf. Die Kolleginnen und Kollegen bitten sie, passend in ihren Unterricht zu kommen. Wenn es nicht passt  – oder der Schlüssel nicht rechtzeitig vor Ort ist, weil der Verkehr die Straßen von Kabul mal wieder verstopft hat -, fällt das Experiment aus. Stattdessen wird Theorie unterrichtet. Zwischen den Bemerkungen höre ich heraus, dass Theorie statt Experiment der Standard ist.

Ich schlage vor, als ersten Schritt die alten Beschriftungen zu entfernen und durch solche in Dari zu ersetzen. Und dann mit einem schwarzen Stift die Kartons zu beschriften, damit jeder sofort weiß, was in welchem Karton ist und man nicht umständlich mehrere Kartons durchsehen muss, bis man den passenden Inhalt gefunden hat.

Ich schaue in die Runde, sehe Nicken. Dann übersetzt mein Co-Trainer einen Beitrag einer Kollegin: „I would like to do that – but how can I write down what is in the boxes if I don’t know what I can do with those things? I look into the boxes and I have no idea what all these things are about.“ – „We need training with these materials“, bekräftigt eine andere Kollegin, noch eine andere ergänzt: „I really want to learn it!“ Die Anleitungsbücher, die immerhin auf Englisch vorhanden sind und die ich hervorhole, reichen nicht. „I can read these and I can look at the pictures. But I still have no ideas of what the experiments will look like“ , meint die lab technician. An der Universität würden auch keine Experimente gemacht, flüstert mir mein Co-Trainer zu. Es fehlten Ausstattung und experimentelle Kenntnisse. Der Krieg hat auch hier mächtige Scharten gerissen.

Im Lab sprudeln jetzt die Ideen: an die Türen könnten Listen mit Inhalten der Boxen. Und mit möglichen Experimenten. Eine Liste mit vereinbarten, für alle verbindlichen Experimenten wäre sinnvoll. Dann könnten alle zusammen diese Experimente üben und dann wäre die lab technician nicht mehr allein verantwortlich, sondern sie alle. Die Lehrerinnen schauen mich an: „You must tell our headmaster that we all need this training. You have to tell him that only then we can really improve our teaching. Otherwise he will just have the technician trained.“

Eine Aufbruchstimmung breitet sich aus. Der Funke ist gelegt, denke ich. Fast schon wirkt es, als mache sich hier eine kleine Revolution breit. „Oh, I will make the list with experiments for the cupboards“, meldet sich mein ältester Teilnehmer um die Ecke schauend zu Wort und lächelt wieder verschmitzt. Erst jetzt fällt mir auf, dass bei dieser Diskussion nur die Frauen anwesend sind. Sie nehmen ihre Zukunft in die Hand. Mal wieder, will es mir scheinen.

Hierarchien

Von den fünfzehn Personen im Teacher Training sind drei Männer, zwölf sind Frauen. Die Altersspanne reicht von knapp dreißig bis sechzig, vielleicht auch darüber. Ich kann das Alter meines ältesten Teilnehmers schlecht schätzen – sein faltiges Gesicht mit dem weißen Bart und den verschmitzt lächelnden Augen sieht weit älter aus. Viele Männer hier in Kabul sehen uralt aus, wie entsprungen aus einer der Geschichten, die man am Feuer erzählt, seit hunderten von Jahren.

Selbstverständlich übernimmt mein ältester Teilnehmer als Mann die Fürsprecherrolle in der Gruppe. Er begrüßte am Anfang, er ist derjenige, der als erster morgens auf mich zukommt und mit beiden Händen meine Hand ergreift und mich begrüßt. Er ist auch derjenige, der mitten im Training sich leise nach links und rechts zu seinen männlichen Nachbarn neigt und einen Witz erzählt. Wenn er lacht, dann bebt sein ganzer Körper.  Wenn er mittags sein Lunch zu sich nimmt, hockt er auf der Bank im Hörsaal, die Beine angezogen, die Knie neben seinem Kopf, bewegungslos, nur ins Essen vertieft. Viele alte Männer sitzen in diese Haltung am Straßenrand, auf Mauern, unter Bäumen und warten. Regungslos. Ich kenne kaum jemand in Deutschland, der so lange sitzen könnte. Auch keine Jüngeren.

Wenn er seinen Witz erzählt, lachen die Männer. Wenn er etwas sagt, nicken sie. Niemand würde vorschnell etwas erwidern, kein Mann würde ihm widersprechen.

Am deutlichsten spiegelt sich für mich diese unerschütterliche, männliche Hierarchie im Verhalten des jüngsten Teilnehmers. Jung, gut ausgebildet, aufgeweckt. Westlich gekleidet in Jeans, spricht er gutes Englisch. Wir können uns gut verständigen. In das Training bringt er sich aktiv ein, erprobt neue Methoden, entwickelt Ideen, übernimmt Initiative. Sobald der älteste Teilnehmer dabei ist, gar zu seiner Gruppe dazu tritt, wechselt das Verhalten völlig: Er schweigt, neigt den Kopf, tritt häufig einen Schritt zurück. Männliche Hierarchie. Klar und eindeutig.

Bei den Frauen ist das anders. Vielleicht gibt es auch da eine Hierarchie, allerdings ist sie dann nicht so klar zu dechiffrieren. Unter den Frauen wird heftig und leidenschaftlich diskutiert. Manche treten selbstbewusst und erfahren auf, ihre ganze Körperhaltung signalisiert: „Ich weiß, wovon ich rede.“ Jeder Beitrag wird mit einem kurzen Nicken bekräftigt. Andere hören hauptsächlich zu, wiegen abwägend den Kopf, denken eindeutig mit. Wieder andere fragen gezielt nach, möchten die Inhalte tiefer und differenzierter verstehen, achten sehr gut auf sich und bringen ihre Bedürfnisse konsequent ein. Noch eine andere Teilnehmerin erklärt häufig Aspekte, schärft aus, schöpft aus ihrem Fundus als stellvertretene Schulleiterin einer der beteiligten Schulen. Für alle gilt verbindend: Aus ihren Augen blitzt Lebendigkeit, Interesse, Begeisterung.

Alle Frauen arbeiten sehr viel mit ihren Augen, ihrem Blick. Weit mehr als die Männer. Bleibt die Körperhaltung auch neutral, die Augen erzählen viel. Unter der Burka seien die Augen das einzige Fenster zur Umwelt, die einzige Möglichkeit sich der Welt außen mitzuteilen, habe ich gelesen. Burka trägt hier niemand im Kurs, auch keine Vollverschleierung. Der Schal über dem Kopf ist natürliche Selbstverständlichkeit und – zumindest hier im Kurs – mitnichten ein Zeichen einer niederen Stellung in der Hierarchie. Vielmehr gilt: Eine respektvolle Frau trägt einen wohl geordneten Schal, achtet auf perfekten Sitz und spiegelt damit die Achtung vor sich selbst.

Zumindest hier im Kurs erlebe ich die Frauen als diejenigen, für die die alte Hierarchie nicht mehr gilt. Jung und alt, die verschiedenen beruflichen Positionen durchmischen sich. Alle hören zu. Alle tragen bei. Alle lernen miteinander und voneinander.

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