Just a world apart

Experiencing Physics Teacher Training in Kabul

Schlagwort: Gast

Do you like it here in Kabul?

Auf der dritten Autofahrt bislang justiert mein Fahrer den Rückspiegel, schaut nach hinten und fragt: „Do you like Kabul? What do you think?“ Aus seinen Augen lese ich echtes Interesse, nicht nur Höflichkeit. Ich suche nach richtigen, passenden Worten, während draußen das Straßenleben vorbeizieht. „It’s … thriving … interesting … impressive …“, taste ich mich an mein Empfinden heran.

Ich blicke auf die Häuser, die Autos, die Menschen. Neben mir schiebt ein junger Mann einen Handkarren mit Bananen durch den Verkehr, am Straßenrand werden Früchte verkauft, daneben Gewürze, ein kleiner mobiler Laden mit Getränkedosen, Zigaretten. Wieder weiter bunte Plastikeimer, dann ein Kebabladen. Auf der anderen Straßenseite hängt große Werbung: Afghanistan wird fit gemacht für das Internet, das weltweite Netz mit allen Möglichkeiten der Digitalisierung. Ein paar Plakate mit Politikern, Leuchtreklame von Banken, ein kleiner Basar und immer wieder Betonwände und Security Checkpoints.

Ich sehe junge Männer, westlich gekleidet, deutlich aber afghanischer Herkunft. Daneben Männer im selben Alter in traditioneller Kleidung. Einer hat den Arm um die Schulter des anderen gelegt, wieder andere gehen Hand in Hand.

Frauen tragen Schleier – gebunden in der unterschiedlichsten Art. Auch High Heels passen zu langen schwarzen Gewändern und das leuchtende Blau der Burkas strahlt durch den Straßenstaub. Leuchtend, denke ich. Und lebendig. An einer Ecke steht eine Gruppe zusammen, an eine der Betonmauern gelehnt und unterhält sich angeregt: Männer und Frauen gemischt, alle eher jünger, traditionell und westlich gekleidet, eine Burkaträgerin steht ebenso dabei wie eine Frau, die – mein Eindruck – legerer gekleidet ist.

Vor uns auf einem Motorrad fahren ein Mann und eine Frau. Die Frau kauert sich im Damensitz in den Windschatten des Mannes, korrigiert ihren Schleier, schaut zu uns ins Auto. Sie schaut mich kurz interessiert an, bevor das Motorrad in eine Seitenstraße abbiegt. Ich werde viel angeschaut, wenn mich jemand durch das Autofenster sieht – ich bin halt erkennbar ein Fremder, ein Europäer, ein Zivilist. Das allein macht mich interessant, fällt auf, weckt Wohlwollen. Nicht viele ausländische Zivilisten sind hier unterwegs.

Neben mir fährt jetzt ein Auto mit geöffneter Heckklappe: drei Kinder sitzen darin, eins hält die Klappe fest, damit sie nicht zuschlägt beim nächsten Huckel in der Straßendecke, alle lachen glückliches Kinderlachen. Vorne im Auto sitzen ihre Eltern, als wir vorbeifahren.

Überhaupt, die Kinder von Kabul: Kinder laufen zwischen den Autos entlang, verkaufen Wasser, Tücher, fächeln Rauch durch die geöffneten Fenster gegen die Insekten oder für den Geruch.

Jüngere Männer verkaufen eher Tücher, ältere betteln direkt. Ein Mann im Rollstuhl wird von der Polizei durch die Autoschlangen gelotst, immer wieder sehe ich Versehrte mit Krücken, auf einem Bett liegend. Die Kriegsgeschichte und Gewalt in diesem Land ist allgegenwärtig – und doch hat sich sowas wie Normalität hier breitgemacht: Man hat sich arrangiert. Einfach ist hier wenig, aber viele scheinen ihren Weg gefunden zu haben, damit umzugehen.

In einem anderen Stadtteil kommen Kinder in Schuluniformen aus den Schulgebäuden. Ein Junge sitzt im Schulbus, schaut heraus, schleckt ein Eis, grüßt einen Freund auf dem Gehweg. Der winkt zurück und nimmt dann seine Schwester in Empfang, sie machen sich auf  den Heimweg. Der Schulrucksack wippt auf dem Rücken der Schwester auf und ab, während sie die Straße entlang im Getümmel verschwinden. Wie bei uns, geht mir durch den Kopf. Was hab ich denn anderes erwartet? Und dann denke ich an die Kinder, die gerade zwischen den Autos herumgegangen sind, zur selben Zeit.

Ah, you like it then“, antwortet mein Fahrer. „So let me tell you some more…“

Mein Blick bleibt an den Kindern hängen, die vor einer der militärischen Betonmauern hocken: Mit Kreide haben sie vier Linien darauf gemalt. Kreuze und Kreise. Sie spielen Tic Tac Toe. Über ihnen  steht in blau gesprüht: Kabul, the city of peace. In Englisch und in Dari. Wer das geschrieben hat, weiß ich nicht.

Ich hätte gerne ein Foto davon gemacht. Von den Kindern. Und von der Aufschrift. Im Vorbeifahren wird es ein flüchtiges Bild. Der Eindruck aber bleibt hängen und hallt nach.

Eine andere Welt

Ort: Flughafen Düsseldorf, Terminal C. Business Lounge meiner Fluglinie.

Zeit: Zwei Stunden vor Abflug Richtung Dubai.

Der Check-In ist erfolgt. Ich fliege zum ersten Mal Businness Class – die Schlange am Schalter war deutlich kürzer als in der Economy Class. Nach Body Scan und elektronischer Passkontrolle sitze ich nun in der Business Lounge und warte auf den Abflug.

Schon jetzt habe ich das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein: Unten in der Flughalle warteten Familien, Großeltern, Kinder, die meisten arabischer Herkunft. Neben den Koffern hatten sie die verschiedensten, verschnürte Alltagsgegenstände mit – Dinge vermutlich, die sie mitbringen sollen, die sie zuhause nicht bekommen. Einen Fernseher habe ich gesehen, einen Mixer, riesige Pakete Windeln.

In meiner Schlange war das Gepäck kleiner. Eine Aktentasche mit Laptop war Standard. Sehr gemischte Nationalitäten, verschiedene Kulturen, die aufeinander treffen. Man spricht Englisch. Aber alle tragen legere Kleidung – es scheint bequemer zu sein für den Flug. Ich atme durch: Auffallen tue ich hier nicht. Noch ist es irgendwie meine Welt.

Nun, nach einem indischen Mittagessen mit frischen Früchten zum Nachtisch (buffet included) sitze ich nun selber am Laptop, lasse meinen Blick schweifen. Die Familien, Großeltern, Kinder sind nicht mehr hier. Die gemischten Nationalitäten sind geblieben. Es ist ruhig hier, die Hektik eine Etage unter uns haben die Menschen hier zurück gelassen. Man isst, trinkt, ist letztlich unter sich.

Auch von den Alltagsgegenständen ist hier nichts zu sehen. Dann schon eher Taschen aus dem Duty Free-Bereich.

Auffallen tue ich auch hier nicht. Aber es ist deutlich weniger meine Welt.

„Die da oben“ geht mir durch den Kopf. Und: „die da unten“. Aber noch sind wir in Deutschland. Um wieviel anders noch wird der Eindruck sein, wenn ich in ein paar Stunden in Kabul aus dem Flughafengebäude trete.

Ich atme tief durch. Auffallen werde ich da. Als Fremder, als Gast aus einer anderen Welt. Und doch sind es „nur“ knapp 5000 Kilometer.

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